Stationen

image

„Der Zug ist längst abgefahren!“

Sie sah ihn bei diesen maulenden Worten an. Nein, vielmehr sah sie durch ihn hindurch auf die imaginäre Anzeigetafel hinter ihm. Auf den digitalen Fahrplan der ihr verriet, dass auf jedem der sieben Gleise in der nächsten halben Stunde ein neuer Zug einfahren würde. Sah er sie denn nicht?
Zwischen den Abfahrtszeiten fand sie zurück zu seinen Augen und zu der darin liegenden Trauer , Resignation und dem Wehmut über den verpassten Zug.
Der Lautsprecher auf dem Bahnsteig knackte laut, ehe die montagsmüde Dame die Einfahrt eines neuen Zuges ankündigte und um Vorsicht dabei bat.

Sie sah ihn an.
„Ja, DER Zug ist vielleicht weg. Aber im fünf-Minuten-Takt kommen neue.“

Jetzt sah er es auch:  das Gewimmel auf den Bahnsteigen. Das Ein- , Aus- und Umsteigen der Reisenden mit einem Ziel. Sie schoben sich mal mit leichtem, mal mit schwerem Gepäck an ihm vorbei, während er unschlüssig auf der Rolltreppe lief nur um nirgendwo anzukommen.

„Manchmal habe ich das Gefühl, das Leben ist zu schnell für mich. Es rast regelrecht. Mal schaue ich von meinem Sitz hinter den Scheiben heraus und mal spüre ich seinen Fahrtwind, wenn es an mir vorbeirauscht.“

Sie strich über seine Hand in dem Café zwischen all den Reisenden in der ersten Frühlingssonne.
„Jeder Zug wird irgendwo anhalten und dann kannst du selbst entscheiden, ob du zusteigst oder ihn ohne dich weiterfahren lässt.“

Er schwieg. Griff nach dem Bierglas und nahm einen tiefen Schluck.
Plötzlich hörte er den fremden Jungen am Nachbartisch. Er spielte mit einer Holzeisenbahn und fuhr gerade den Bahnhof unter dem Tisch zwischen den Beinen seiner Eltern an.
„Alles Aussteigen- Endstation!“

Wie zur Bestätigung nickte der Biertrinkende seiner Freundin zu.
‚Siehst du!‘ , schienen seine Augen zu sagen. Er verzog dabei die schmalen Lippen zu einem gequälten Lächeln.

„Umsteigemöglichkeiten an den anderen Gleisen!“ , tönte der Sechsjährige durch die Lautsprecherhände.

Nun hob sie die Brauen.
‚Siehst du‘ , sagte ihr Lächeln als sie das Glas zu ihm hob. Leise prostete sie ihm zu.
„Sogar der Kleine weiss es schon: selbst Endstation bedeutet nicht zwangsläufig das Ende einer Reise!“

Geduld

Das mit der Geduld ist so eine Sache.
Wenn man sie braucht, versteckt sie sich zu oft. Oder sie rennt davon und schreit noch von Weitem „Drei aus!“ , während sie auf ihrem sicheren, nicht einnehmbaren Ort grinst.
Während wir uns die zu Berge stehenden Haare raufen und es nur noch Sekunden dauern kann, ehe der Schaum vor unserem Mund austritt, lächelt sie unnachgiebig aus der Ferne.

So geschehen auch an diesem Morgen, an dem ich „nur schnell“ für eine befreundete Autorin ihren Datensatz zum Buchdruck angleichen und ein neues Cover hochladen wollte.
Mein hp., und ich bin wirklich nett zu ihm, war allerdings heute Morgen im Gegensatz zu mir, nicht so sehr auf „hurtig“ eingestellt.
Vielmehr glich der sich ewig wie elendig langsam drehende „Bitte Warten“-Kreis schon eher einer Arbeitsverweigerung.
Seit zwei Stunden das gleiche Spiel und die Arbeit an meinem Manuskript, das seit halb sechs auf mich wartet, wird immer weiter und weiter nach hinten geschoben. 

image

Während der Wartezeit stöbere ich mit dem Handy im Netz. Bin überrascht, wie viele „wiki- … und …-wiki“ – Seiten es gibt. Ich stoppe und  bleibe auf „Yogawiki“ hängen.
Dort heisst es, das Adjektiv „geduldig“ steht für eine Tugend. Für ein Persönlichkeitsmerkmal, das man auch kultivieren kann.
Vielleicht sollte ich mich und ES „kultivieren“ und mich öfter in solche Situationen begeben.

image

Den PC einfach mal mit zwei oder drei großen gleichzeitig geöffneten Programmen fordern und mich selbst dabei in beidem üben, was man so gemeinhin mit Geduld verknüpft: „ausdauernd und nachsichtig zu sein“ ebenso wie die Fähigkeit zu haben  „zu warten, und Schwierigkeiten mit Gelassenheit und Standhaftigkeit zu ertragen“.

Während des Lesens des Artikels auf meinem Handy hat sich der Bearbeitungsbalken auf dem PC tatsächlich von 5 auf 8 Prozent geschoben.
Ja, ganz sicher, es ist noch Zeit und Luft, um die Fähigkeiten an diesem Morgen zu trainieren .
(Den zwischenzeitlichen Gesamtabsturz des lieben hp lasse ich dabei einmal unerwähnt.)
Yogawiki gibt sogar einige Tipps zum Training gratis dazu.
Die klassische Autosuggestion betreibe ich bereits seit zwei Stunden. Ich bin froh, dabei allein zu Hause zu sein, um nicht die kritischen Blicke der Fremden zu ertragen, die mich meditationsgleich :“ich bin geduldig“ wiederholend murmeln hören.

Nach den vergangenen zwei eher ereignislosen Stunden, starte ich Phase 2: die entwicklungsbezogene Affirmation : „Ich entwickele Geduld!“

image

Noch eine halbe Stunde später seht ihr mich beim Schreiben dieses blogs. Ein Schelm, der dabei denkt, die ersten beiden Trainingseinheiten waren umsonst ; -)

Ganz offensichtlich befinde ich mich mitten in Phase 3: der Wunder – Affirmation. „Angenommen, ich wäre geduldig, wie würde sich das dann anfühlen? Was würde sich ändern und wie würde ich reagieren?“

Auf die von Yogawiki vorgeschlagene Meditation habe ich verzichtet. Fand es doch ein wenig bedenklich, das Frühstück der zwei von drei Kindern vor der Schule ausfallen zu lassen, nur um die Geduld in der Meditation zu kultivieren …

image

Der blinkende Cursor auf dem Bildschirm holt mich von diesem Geistestripp zurück. 21 Prozent Fortschritt und ich beginne zu hoffen, dass der hp heute meine fast grenzenlose Nachsicht spürt und sich nicht dafür entscheidet, irgendwo auf dem Weg der nur noch fehlenden 79% gänzlich das Licht auszuschalten.

Die Hochrechnung bei gleichbleibender Hochladegeschwindigkeit deutet unmissverständlich an, dass es „noch etwas“ bis zum Finale  dauern wird.
Getreu dem Motto „wenn nichts mehr hilft, dann ablenken“ greife ich auf meinen Stapel und nach einem Manuskript.
Dankbar dafür, daß es für mich altmodische Ausdruckerin auch noch handschriftliche Arbeiten gibt, schlage ich es auf, und übe ich mich weiter im Kultivieren.

Ich wünsche euch allen einen wunderbaren Start in diesen Morgen und eine große, große  Portion Geduld. Scheint man doch ohne diese Tugend mitunter schnell an seine Grenzen zu stoßen. Und dann hilft nur noch eines: Humor.

Alles Liebe, eure Nadin

Eine Geschichte zum Dank…

Erst gestern wieder habe ich jemanden getroffen, der sich ehrenamtlich engagiert.
Diese Engel in allen Farben, Bereichen und unterschiedlichen Projekten, die uns und andere unterstützen und nur deshalb ehrenamtlich arbeiten,  weil ihr unermüdlicher Einsatz schlichtweg unbezahlbar ist.
Als kleiner Dank für euch heute einmal eine  kleine Geschichte:

image

Stille Nacht

Sami saß in dem gelblackierten Auto. Ohne es zu sehen, wusste er, dass die leuchtende Taxianzeige auf seinem Dach fast das einzige Licht in dieser kleinen Straße war,
Er saß im Dunkeln. Mit dem ausgeschalteten Motor war Ruhe im Innenraum eingekehrt und auch das Schaukeln der roten Weihnachtsbaumkugel am Rückspiegel hatte längst aufgehört.
Während die neu fallenden Schneemassen seine Frontscheibe bedeckten und ihm das Gefühl vermittelten, in einem Iglu irgendwo am Rande der Welt allein zu sitzen, hörte er den Schlag der Kirchturmglocken einige Straßen weiter. Sie läuteten pünktlich zur Dunkelheit den kommenden Heiligabend ein.

Sami zuckte erschrocken zusammen, als hinter ihm die Autotür aufgerissen wurde und sich ein großgewachsener Mann in den Sitz fallen ließ.
Mit ihm stiegen zahllose dicke Schneeflocken ein, die in der Restwärme der Anfahrt sofort schmolzen und sich in kleinen Tropfen im Haar und auf dem dunklen Mantel des Fremden verteilten.
Fahrig wischte er die Nässe aus den aufspringenden Locken.
Sami startete den Motor mit einem fragenden Blick nach dem Zielort in den Rückspiegel.
„Es ist mein erstes Weihnachten“, er sprach leiser. „Allein.“
Der Mann antwortete ihm. Ohne Zielangabe, dafür mit dem Grund und dem Namen seines Abfahrtortes: Einsamkeit.
Sami hatte sie heute während seiner langen Schicht alle gefahren: Die vorfreudig Aufgeregten auf ihrem Weg zu den wartenden Freunden und Familien, die Weihnachtsflüchtlinge, die nur weg aus diesem Weihnachtstumult wollten und diejenigen, die noch auf den letzten Drücker etwas zu besorgen versuchten.

Sami lenkte den Wagen auf die Straße und schaltete das Tachometer aus.
„Es ist meine letzte Fahrt heute Abend“, antwortete er auf den wortlos nachfragenden Blick des Fahrgastes. `Und meine längste ohnehin´, setzte er schweigend in Gedanken hinzu.
„Was mache sie dann? Gehen sie nach Hause zu ihrer Familie?“
„Ich sehe sie dieses Jahr zu Weihnachten nicht.“ Sami schluckte. „So wie auch letztes Jahr nicht und das Jahr davor. Ich hoffe, sie sind nächstes Jahr bei mir.“

Der Nachfragende schwieg bei dieser Antwort. Wortlos. Fast erschrocken.
Sie waren zwei Einsame. Fremde, einander unbekannte Männer, die an diesem Heiligen Abend so viel mehr verband, als manch andere, die sich seit Jahren gut kannten.
Schweigend fuhren sie durch die schneebedeckten, um diese Uhrzeit fast menschenleeren Straßen, quer durch die Stadt.

Sami hatte ihn gesehen, den Fremden beim Einsteigen.
Die wohlausgesuchte Kleidung für diesen Festtag und seine Entschlossenheit, diesen Festtag nicht allein zu verbringen, auch wenn er noch kein Fahrtziel hatte.

„Wo sind wir?“
Irritiert beugte sich der Fremde nach vorne, als Sami später das Taxi vor einem weihnachtlich geschmückten, hellerleuchteten Gebäude zum Stehen brachte.
„Kommen Sie.“
Ohne weitere Erklärung stieg Sami aus und öffnete dem Fahrgast von außen die Tür.
„Ich komme seit zwei Jahren am Heiligabend hierher. Es ist wunderbar. Kommen Sie kurz mit herein.“
Der warme Duft von Kerzen, Glühwein und Selbstgebackenem umfing die beiden Männer, als sie in das Gemeindehaus eintraten.
Der kleine Raum war gefüllt mit einander fremden Menschen, die die Neuankömmlinge herzlich wie lange nicht gesehene Familienmitglieder begrüßten.

Eine Frau half den Beiden aus den Mänteln, während eine andere ihnen einen Becher warmen Gewürzwein reichte.

Der fremde Mann lächelte. Vielleicht das erste Mal seit Wochen, wie Sami leise dachte, als er die Weihnachtslieder leise aus der Ecke neben dem herrlich geschmückten Christbaum wahrnahm.

Sie sahen sich um in dem liebevoll dekorierten Raum, und der Blick des Mannes blieb an der großen eingedeckten Tafel hängen.
Er war nicht mehr allein. Genauso wenig wie all die anderen hier, die ihm, obwohl fremd, allesamt so vertraut erschienen.
Vertraut, vereint an diesem Heiligen Abend, in dieser Runde von Menschen, die ihre Ängste, Schmerzen oder Sorgen für ein paar Stunden verdrängte.
Gemeinsam hoffend, wartend auf das Wunder der Heiligen Nacht, das für sie alle gemeinsam und doch für jeden einzelnen von ihnen, etwas ganz persönliches Besonderes bereithalten möge

Eine wunderbare Vorweihnachtszeit wünsche ich euch allen,
Viele Grüße Nadin

Vogelfrei

image

„Bist du denn tatsächlich der „Herr“ über deinen Tag?“
Dieser Frage folgt ein skeptisch nachfragender Blick.
„Natürlich. Wenn nicht ich, wer sollte es denn sonst sein?“
Ein Kopfschütteln.
„Das glaube ich nicht. Auch du kannst doch nicht schalten und walten wie du willst! Wir sind doch alle gebunden an so viele äußere Umstände!“
„Und an was für Umstände denkst du dabei?“
„An Alles! Wir sind doch nicht vogelfrei! “
„Gut, ich sehe ein unser Körperbau ist ein wenig anders – aber ansonsten sehe ich nicht viel, das uns von einem Spatz oder dem Adler unterscheidet.“
„Jetzt hör aber auf. Wenn ein jeder machen würde, was er wollte und nicht was er wollte… und seine Wünsche auslebt, dann wäre Sodom und Gomorrha doch nicht mehr fern.“
„Oder der Garten Eden – nur so als Alternative…“
„Du spinnst doch…“
„Lieber ein Spinner, als so ein amputierter Vogel wie du!“
„Ich muss nunmal jeden Morgen zur Arbeit aufstehen und mich im Geschäft mit all dem Wahnsinn rumschlagen!“
„Das muss der Spatz auch, wenn er auf Futtersuche  ist. Oder meinst du, die Würmchen recken ihren Kopf und schreien: „hier nimm mich!“ ,  um bei diesem todbringenden Nahrungsflug unbedingt der Erste zu sein?“
„Und dann, wenn ich heimkomme wartet zuhause noch genügend Arbeit auf mich!“
„Die Nestpflege übernimmt er auch – doch auch das ist doch irgendwann geschafft!“
„Und dann…“
„Und dann und dann und dann… das was dich tatsächlich daran hindert, dich so frei wie ein Vogel zu fühlen , ist wahrscheinlich als einziges dein größeres Gehirn!“
Der fragende Blick wartet auf die Fortsetzung.
“ Du machst dir um alles und so vieles Gedanken, dass du die Momente des Fliegens einfach regelrecht verpasst!“

Immer wieder sonntags…

image

Es ist kurz vor fünf an diesem Sonntagmorgen.
Die letzten Nachtschwärmer werden sich gerade seufzend,  wohlig einkuschelnd in ihren Betten verkriechen. Sich selbst, den mitfeiernden Freunden oder sonst einer höheren Macht dankend, dass der Abend ohne größere Ausfälle ein gutes Ende genommen hat. Dass die, eilig auf dem Weg zum letzten freien Taxi hechtende noch heruntergeschlungene Mahlzeit sich bei der kurvigen  Heimfahrt nicht wieder ihren Weg nach oben gebahnt hat. Das letzte Bier, der letzte Schluck Wein scheint schlecht  gewesen zu sein. So jedenfalls lässt sich, das mulmige Gefühl in der Magengegend deuten während sie nun versuchen das Karussell im Bett mit dem heraushängenden Bein zu bremsen.
Die anderen von uns freuen sich,  wenn sie zu dieser Zeit fast panisch in ihrem Bett aufschrecken. Hektisch nach dem Wecker schauen, um dann festzustellen, dass Sonntag ist. Ein glücklicher Seufzer, ein erneutes Abtauchen unter der angewärmten Decke. Die Augen schließen sich dem müden und entspannten Geist an und ruhen kurze Zeit später wieder hinter den geschlossenen Lidern. 

Mich hat es vor einer Stunde ruckartig  aus dem Bett getrieben. Pünktlich um 4.29 Uhr.  Fast scheint es, als kam pünktlich mit dem 35. Geburtstag vor ein paar Jahren diese senile Bettflucht als Gratisbeigabe. „Augen auf-raus-im Bett sterben die meisten Menschen!“
Mein Vater spricht schon seit Jahren von diesem Phänomen. Früher habe ich ihn belächelt. Heute Morgen wäre ich um diese Uhrzeit sicher er wäre schon wach wenn ich ihn anrufen würde.

Im Garten sind um diese Zeit noch keine Vögel zu hören. Als Hobby Ornithologe kann ich sagen, sie beginnen in der Regel pünktlich mit dem Glockenschlag um sechs Uhr. Das Dorf liegt mucksmäuschenstill rund um unseren Garten.
Der erste Kaffee schmeckt vor fünf sowieso am Allerbesten und während ich daran denke, euch heute mit meinem blog einen ganz wunderbaren Sonntag zu wünschen, kreisen meine Gedanken schon um die anstehenden und heute noch zu beendenden Projekte.
Die Kurzgeschichte für die Anthologie des Autorennetzwerkes steht und muss heute Abend nur noch einmal nachkorrigiert werden, ehe sie abgegeben werden kann.  Eine zweite Geschichte für eine Ausschreibung muss noch mit dem auf dem Speicher stehenden alten Drucker auf das jungfräuliche weiße Druckerpapier gebannt werden.
Ich habe mir mein angefangenes Buchprojekt wieder beherzt zur Brust genommen und die darin lebenden, befreundeten Senioren sind unendlich dankbar, seit gestern endlich von ihrem Stuhl im Innenhof aufstehen zu können.
Dann warten noch die „ehrlichen “ Arbeiten auf mich. Haus, Garten und Kinder. Das weitere Verputzen des langsam freundlicher werdenden Bades unten und die Saubermacharbeiten hinterher. Das Anbringen von Waschbecken, Heizkörper und Dusche. Der Wohnwagen will für die kommende Urlaubsfahrt am nächsten Wochenende noch gerichtet werden und „kleinere Vorarbeiten “ hinsichtlich Wäsche und Haus…sind dafür noch nötig.
Ach ja und der Kleinste will heute seine Ausfahrt mit dem gestern erstandenen Fahrrad machen und der Zwölfjährige von seinem Nachtangeltrip am Vereinssee abgeholt werden.
Positiv gestimmt, dass der mittlere nach einem langen Ausschlafen gut gelaunt ist, und alle drei Kinder nur halb so streitlustig wie gestern sind, bin ich zuversichtlich alles an diesem Sonntag zu schaffen. ..liegen doch noch genügend Stunden vor uns.

Ein kritischer Blick auf meinen schmerzenden Daumen, der mir das Halten des Kulis heute Morgen wirklich erschwert.

Angegriffen hat er mich gestern. Hubi, der neue gestachelte Freund unseres Zwölfjährigen. Mitten in der Menschenmasse des TOOMbaumarktes gestern vormittag als sich der dreikugelige Kaktus bei einem Balanceakt an der Kasse entschied, mit der vollen Länge und all seinen Stacheln  auf meine Hand zu fallen. Drei, so wie es sich jetzt anfühlt, sicher mit nervengift versetzte Stacheln mit verheerenden Widerhaken haben sich tief in meinen Daumenrücken  gebohrt.
Der Schmerz hält bis heute morgen an…

Jetzt aber genug gejammert : dankbar sollte ich sein. Dankbar dafür, dass sich der Sohn in letzter Sekunde dafür entschieden hatte, die ursprünglich ausgewählte fleischfressende Pflanze gegen diesen „Hubi“ zu tauschen. Nicht auszudenken,  wie mein Daumen sonst heute aussehen würde, wenn es ihn denn überhaupt noch gäbe   😉

In diesem Sinne wünsche ich euch einen ganz wunderbaren Sonntag und fühlt euch gegrüßt, Eure Nadin

„Des müsste mer ma…“

image

image

…mache!“

Mein Mann hat jetzt eine Woche Urlaub. Eine Woche Urlaub zuhause. Also ohne Wegfahren, neue Eindrücke, eine andere Umgebung oder dem sowieso des wenigen Platzes geschuldeten Chaos im Wohnwagen – oder sonst irgendwelcher mildernden  Umstände.
Urlaub DES Mannes zuhause bringen neben der Freude die uns alle vier dabei umgibt, nicht selten vorher ungeahnte Projekte für Mama mit sich. Der unausgelastete Geist des Homo Mannes  findet mit wachen Äuglein Winkel und Ecken die zuvor im Alltag geflissentlich und großzügig  übersehen werden.
So nun auch gestern.
„Die Dusche unten müsstest du dir auch nochmal anschauen, vielleicht können wir da mal was machen…“
Mit „schauen „meint es „tun“; mit „wir“ meint es „du“ und mit „mal“ eigentlich „lieber gestern als morgen“.
Da er selbst mit Vereinsarbeiten, dem Ausnehmen von Fischen, dem kontrollierten Frittieren und dem Verein erlöseinbringenden Verkauf beschäftigt ist, bin ich an diesem Montagmorgen in dem Fall eins mit „wir“ und „es“. Zwei kranke Kinder daheim,  der noch gefüllte Wohnwagen vom Wochenende verweigert die Ausräumung mit der verschlossenen Tür. Auch der Laptop ist noch sicher darin verwahrt, so dass auch Korrektur schreiben am neuen Projekt ausfällt. Das Haus ist soweit aufgeräumt, die beiden Kranken liegen gut gebettet, versorgt und entspannt vor einem Genesungsfilm.
Also mache ich mich motiviert und gut bepackt mit allerlei Putzmitteln, allen im Haus  auffindbaren  chemischen Keulen und einer ausreichenden Menge Einweghandschuhe nach unten ins Gästebad.

Der Stein des Anstoßes steht im unteren Bad. Wie ein Fels in der Brandung in dem Haus, das wir vor zehn Jahren gekauft haben. Baujahr 1978 und böse Zungen mögen behaupten  die Duschkabine aus dem geriffelten  Plastikglasverschnitt mit den 6 Schiebeelementen stünde bereits seit dem ersten Tag darin.
Ein prüfender  Blick von außen, ein folgendender von innen mit sofort nassen Socken, da die Duschwanne von der morgendlichen Hygiene des Fischfrittiermeisters noch nicht getrocknet ist.
Ein kritischer Blick in den Korb mit Putzmitteln –  für jeden Anlaß gerüstet.

Bereits während des großzügigen Einsprühens  wird mir klar, dass ich die Schiebevorrichtung mit all den kleinen Winkeln und Furchen  selbst mit der ausgedienten Kinderzahnbürste in meiner Hand keineswegs überall erreiche.

Und dann kommt ER. Der mir eigene, typische kurze aber heftige Geistesblitz. Eine Idee, die ich grundsätzlich und mit voller Absicht nie zu Ende reifen lasse. Würde sie doch bei dem wohlwissenden  Gedanken an die bevorstehende Arbeit in der zur Verfügung stehenden Zeit, mit Sicherheit abgelehnt werden.

Die Zahnbürste  und der Lappen landen im Korb neben den weißen, grünen und pinken Putzmitteln.  Ich laufe in den Keller.
Spachtel,  Beitel und  Werkzeugkoffer sind schnell gefunden.

37 Minuten später ist die Duschkabine abmontiert und steht verwaist wartend  auf den am kommenden Freitag angemeldeten Sperrmüll ersteinmal im Flur. Einmal in Fahrt ist nichts mehr vor mir sicher, was nicht auf ewig  dauerhaft dem Haus verbunden und schon mindestens zehn Jahre alt ist. Die uralten,  heute schon wieder in irgendeiner shabby oder retro Kategorie gehandelten Seifenhalter weichen, wie auch der braune Holzunterschrank unter dem Waschbecken. In dessen Schubladen finde ich noch Lockenwickler gefunden, die ich mit einem Blick in den Spiegel und dem betrachten der kurzen Haare keinem Erwerbsjahrgang  zuordnen kann. Ein ungläubiges Kopfschütteln ehe auch der Spiegel weicht.
Ein Blick in das leere Bad. Abgesehen von der Duschwanne, dem nackten Waschbecken und dem WC ist hier nichts mehr retro mäßig zu finden. Die Gardinenstange liegt auch schon im Flur als ich mit einem weiteren kritischen Blick in die Ecke bemerke, dass sich die alte Strukturtapete dort hinten von der Wand löst. Ein beherztes Testziehen, ein Reißen, ein Rascheln. Der fast einen halben Meter lange Streifen liegt zu meinen Füßen.
Also geschwind rauf auf den geschlossenen Toilettendeckel entferne ich nun kurzerhand die Tapete im Badezimmer. 
Dazwischen alle 17 Minuten ein Rennen nach oben. Ein „Mama!“: mal trinken, mal essen, mal juckt es am Rücken. Mal „kaka“, mal pipi und dann wieder „is schon gut“. Gern diese mütterlichen Pflichten erfüllt ist Punkt dreizehnhundert das Bad unten nackt.

Ich schaue mich um in dem kleinen, jetzt fürchterlich hallenden Raum und schrecke zusammen als mein Telefon klingelt.
Der Mann, der stolz verkündet, dass er schon „ein bisschen eher kommt“.
Ein Blick in die Leere. Ich hab ein kleines  bisschen Angst,  Asyl bei der Freundin ist schon beantragt.

Ich sags ihm noch nicht.

Auf die Frage was ich tu, bleib ich gelassen „hab ein bisschen Ordnung gemacht“

Bin ich mit doch sicher,  dass er das mit dem „man könnte“ , „mal“ , „entkeimen“ anders gemeint hat… daher warte ich bis er entspannt bei einem Kaffee hier ist und um die weiteren Projektschritte mit ihm zu besprechen   …   😉

…. to be continued