Wenn Worte zu Geschichten werden…

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Wenn Worte zu Geschichten werden, tauchen wir ab in die fremde und uns doch eigene Welt. In der wir bekannten Wesen begegnen, Schutz suchen vor fremden Mächten und unbekannten, nie gesehenen Kreaturen.
Mal sind es Erfahrungen, Wünsche oder Träume. Ein anderes Mal vielleicht Ängste,  Gehörtes oder Sorgen die uns antreiben. Ihnen allen ist gemeinsam, dass wir sie scheinbar objektiv aus der Erzählperspektive betrachten und manchmal sogar noch selbst beim Aufschreiben etwas über sie und uns lernen.

Finden wir morgen einen unserer Protagonisten in einer Situation wieder, in der wir im wahren Leben so oder anders entscheiden würden, lassen wir ihm vielleicht einmal freie Hand und beobachten mit angehalten Atem seinen Gang und seine Erfahrungen, die uns bisher verwehrt blieben .
Manchmal sind es Erfahrungen die wir auch nie teilen möchten, spiegeln sie doch unsere ureigenen Ängste, Verlust oder Schmerz, den wir glauben nicht ertragen zu können.

Dann bleibt uns als Autor nichts anderes übrig als ihnen zu folgen.  Sie zu begleiten und nicht länger über den anderen, leichteren Weg nachzudenken oder zu hadern.

Wir tragen sie sicher auf den Flügeln unserer Worte und betten  sie nach ihrem Kampf friedvoll und geborgen in der Geschichte.
Wir tragen die Verantwortung für jedes geschriebene Wort. Nicht nur für uns,  die spielenden Personen  sondern auch für den Leser.
Spiegelt er doch vielleicht die eine oder andere Situation für sich, zeigen ihm unsere Akteure Möglichkeiten oder Wege sie zu bestreiten.
Er hat die Wahl, sie als Feiglinge abzustempeln, den Weg als richtig oder falsch anzusehen oder sie als Vorbild zur Bewältigung manch kommender Krise zu nehmen.

Ein jeder mag die gleiche Person in der Geschichte anders deuten. Kommt es doch auf des Lesers persönliche Situation und seinen Blickwinkel an. So wie wir uns aus einer Handvoll Hauptakteuren immer denjenigen picken, der uns persönlich am nähsten  steht oder mit seiner Handlungsweise anspricht. Das kann für den einen der Held, für jemand anderen der vermeintlich Schwächere sein. Für einen Dritten wieder jemand ganz anderes.

Sie fühlen dann mit ihm, beobachten aufmerksam seine Reise durch das Dickicht der Gefühle und Situationen innerhalb der Geschichte.

Fast werden die beiden beim Lesen eins.  Bald hört man den Leser seinem Protagonisten einen guten Ratschlag zurufen, dann sieht man sein Kopfschütteln über die vermeintlich falsch getroffene Entscheidung, wenn der Leser entsetzt den schweren Atem anhält.
Wir hören das Aufatmen über den Seiten, wenn es am Ende dann doch noch einmal gut ausgeht.

Dieses Symbiose zwischen dem Akteur und dem Leser ist das, was man gemeinhin als „Lesererlebnis“ bezeichnet.  Das identifizieren,  das Mitfiebern und Mitfühlen des Lesenden,  das die Buchstabenmenschen fast Wirklichkeit werden lässt.

Dann, wenn sie unseren Lesern im Traum erscheinen. Manchmal bei Nacht oder vielleicht auch mit geöffneten Augen am Tag.
Dann haben wir als Schreiberling alles richtig gemacht und die kalten leeren Seiten mit den Buchstaben und Worten zum Leben erweckt.

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Speckby, Sami oder eine Form von Schizophrenie – Part 1

Vielleicht hat jeder von uns Schreiberlingen so einen einmaligen Freund namens Sami. Für mich ist Sami mein unerlässlicher Retter in der Not.

Manchmal und das nicht zu selten, lache ich herzhaft, kopfschüttelnd über mich selbst. Vergleichbar mit dem 4-Jährigen, der morgens müde mit dem vernautschten Kuscheltier unter dem Arm den Frühstückstisch gemeinsam mit mir deckt, sind wir als Autoren ganz selten allein.

Der Kleine ist emsig bei der Sache : ein Teller für sich, einen für den Teddy, der auch ganz fürchterlich Hunger hat, und einen für Speckby, den imaginären Freund. Kritisch, bald ängstlich habe ich beim ersten Kind diesen Prozeß beobachtet. Heute bei Kind Nummer drei bin ich deutlich entspannter. Durch ihn angespornt stelle ich noch zwei, drei Teller für die Hauptakteure in meinem neuen Projekt auf dem Tisch dazu. Manchmal reicht der für 8 ausgelegte große Holztisch nicht und wir ziehen ihn kurzerhand gemeinsam für die noch fehlenden, gerade „im Bad zähneputzenden „Freunde““ aus.

Ein einmaliges Schauspiel am Morgen um acht, wenn der Pimpf und ich am vollgedeckten Tisch zu zweit frühstücken. „Was macht Speckby jetzt?“ – „Er trinkt Kakao. Oh, jetzt hat er ganz viel davon verkleckert!“ Der Kleine ist entsetzt. Ich springe auf, hole eilig ein Tuch, bevor das imaginäre Getränk bis auf den braunen Laminatboden tropft.

Speckby, der Freund des Vierjährigen ist in unserem Haus seit zwei Jahren bereits Dauergast. Meine Kaffeetrinker und eingeladenen Gäste wechseln hingegen häufiger. Je nach Projekt bleiben sie eine Weile zur unbezahlten Untermiete, oder stoppen am Abend nur rasch zu einer kurzfristigen Grilleinladung vorbei.

Die einen von uns mögen spätestens an diesem Punkt über Schizophrenie nachdenken, die anderen gratulieren sich zu diesem unerschöpflichen Pool in ihrer Phantasie.

Manchmal, wenn es mir schwerfällt, einen neuen Gast an unserer Tafel zu entdecken, begebe ich mich mit meinem Kumpel Sami auf die Suche nach ihm. Sami ist mein Speckby. Der Retter in der Not. Der Sorgenfresser, stets hilfsbereit und mit unerlässlicher Menschenkenntnis und einem wachsamen Auge gesegnet. Wenn ich die manchmal leeren Gänge meines Kopfes schon unzählige Male erfolglos hinauf und hinab gestiegen bin, steige ich gern ein in sein Taxi und begebe mich mit ihm auf die nächtliche beruhigende Fahrt. Dann steigen sie ein, die Jungen und Alten, die Männer und Frauen, die Kranken und Gesunden. Die Glücklichen, die Traurigen, die Verzweifelten und die Jubelnden.

Während ich schweigend auf dem Beifahrersitz sitze und gebannt zuhörend erfahre, was sie Sami über ihr Leben, ihre Geschichten und ihre Höhen und Tiefen verraten.  Ich bin gespannt, als Zuhörer lauschend, nehme es und ihre Geschichten dankbar in mir auf. Wenn sie dann ankommen am genannten Ziel und ihre Tür sich auf nimmer Wiedersehen öffnet, lade ich sie manchmal auf einen Kaffee mit Speckby zu uns ein. Immer dann, wenn ich glaube und zu wissend bald fühle, dass in ihnen noch mehr steckt, als diese kurze Fahrt bisher verriet.

Wenn ihr grad zweifelt, neue Impulse sucht, einen Anstoss braucht, steigt gern ein mit mir in Samis Taxi und begegnet den vielen wunderbaren Menschen dieser Welt …

… to be continued

Vom Schreiben schreiben – Part 2

„Wat machst´n du da?“                         –         „Schreiben.“
„An wen denn?“                                        –         „An Niemanden.“
Ein fragender Blick.                               –         „Ein Buch.“
„Mit de Hand?“                                         –         „Ja.“
„Warum nich am PC?“                          –         „Mache ich dann für die zweite Fassung.“
„Tippste dann allet nochmal?“         –        „Ich muss doch sowieso nach  dem                      ersten Erguss das ein oder andere noch schieben.“

„Aha.“                                                                            – „Mist, jetzt ist sie alle!“
„Wer denn?“                                                             – „Die Patrone!“
„Vom Drucka?“                                                        – „Nein, vom Füller?“
„Du schreibst noch mit Fülla?“                      – „Ja.“
„Feder und Kiel war wohl grad aus, wa?“– Ein Seufzen.
Ein Lachen.                                                               – „Das tut an den Fingern nicht so weh, wie Kulli mit der Zeit, bei ein paar tausend Wörtern am Tag.“

„Tausend Wörta?!“                                                – Ein Nicken.
„So viel sprech ick manchmal am janzen Tach nich zusammen!“ – „Ich weiß, aber heute hast du deinen Unterhaltungstag, oder?“
„Wie viel Wörter brauchste denn so?“         – „ 80 bis 100…“
„Und dann schreibste 1000 am Tach? Wird dit ne serie?“– „80 bis 100 TAUSEND!“

Ein Gurgeln.                                                                       – Ein Schreiben.
„Ach herje, dit dauert“                                                 – „Ja.“
„Dafür brauch man wohl janz schön Jeduld?“– „Ja“
„Und Ruhe, wa?“                                                              – „Ja.“
„Und wo findest de die?“                                              – „Überall dort, wo du grad nicht bist und mich löcherst.“

Ein Lachen.                                                                                               – „Eigentlich hier.“
„Aber jetz grad nich, wa?“                                                                – „Nein.“
„Soll ick dir helfen? Ick hab och viel Phantasie!“                – „Klar, mach dir doch mal ein paar Gedanken und schreib sie auf.“
„Uffschreiben? Ne, dit is nich so meins. Ick erzähls dir!“ – Sein Seufzen. „Aber ich kann kein Steno!“

Ein Nachdenken.                                              – „Dann sprich es doch hier drauf!“
„Wat n dit?“                                                          – „Ein Diktiergerät!“
„Is da noch ne Kasette drin?“                    – „Ja.“
„Cool!“                                                                    – „Aber nicht aufmachen. Die hängt ein bisschen, sonst gibt’s Bandsalat!“
„Ja, ja schon jut! Nur uff´ n roten Knopp und dann sprechen, wa?“                  – „Ja.“
„Okay! Mach ick“ . Ein Klicken.                         – „Nein, nicht hier! Es muss absolut ruhig sein. Die Uhr da hinten tickt  so laut. Das nervt nachher beim Abspielen!“

„So sensibel is dit?“                                                – „Jaaa!“
„Jut, dann nehm ick s mit ins Zimma!“        – „Super.“
„Wie viel Worte brauchst n noch?“              – „50 etwa?“
„Nur?“                                                                            – „50 – TAUSEND“

Ein Schweigen.                                                         –  Ein Schreiben.

„Okay, da brauch ick ´n bissel für!“                  – „Nimm dir ruhig Zeit!“

„Und nich stören!“                                                         – „Mach ich, versprochen!“
„Also ick komm dann wieda, wenn ick sie zusammen hab!“ – „Super! Und ach, vielen, vielen Dank für deine Hilfe!“

Die Dame … und das Buch

die dame

Schreiben … ein kleines bisschen ist es wie beim Malen:

Zugegeben, ein gewisses Grundtalent erleichtert die Arbeit sehr. Das ständige Üben, die Weiterbildung in den verschiedenen Bereichen, das genaue Betrachten sowie das Lesen anderer Werke hilft uns, einen eigenen Stil zu finden. Unsere Begabung kontinuierlich zu formen und immer weiter zu verbessern.

In Phasen der Schreibblockade, ausgelöst durch ein riesiges Vakuum im Kopf, ziehe ich mich gern hierhin zurück. Hierhin, an die stets bereitstehende Staffelei. Dem Ort, an dem es scheint keine Grenzen zu geben.

Noch vor der Auswahl des Motivs habe ich mich oft spontan, je nach Zustand des Geistes und der Hände für ein Malutensil entschieden. Jedes Mal ein grober Fehler, der mir hin und wieder auch beim Schreiben passiert: Schritt 2 vor Schritt 1  ;-).

Oft, und das nicht zu selten, muss ich dann allerdings, wenn sich die Idee plötzlich in den Kopf schiebt, noch einmal wechseln. Erscheint die ausgewählte Kohle für den filigranen Entwurf nun doch viel zu grob. Den Bleistift sorgfältig gespitzt und jetzt mit scharfer Spitze aufs Papier gesetzt, habe ich mich heute zum üben wieder ein paar Anatomiestudien zugewandt.

Die Dame: Ohne Hilfslinien wäre das Projekt von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Füße wären vermutlich größer als der Kopf und säßen mit großer Wahrscheinlichkeit, gleich unterhalb den Knieen.

So geht es uns beim Schreiben doch auch. Ohne ein stabiles Grundgerüst, einem eventuellen Storyboard, verlieren wir uns nur allzugern in der wachsenden Geschichte im Kopf. Der vielversprechende Anfangsgedanke dümpelt dann fruchtlos vor sich hin. Die Spannungskurve gleicht eher der Aufzeichnung eines EKG Gerätes als einem wohlgeformten Berg, der mit dem ein oder anderen kleineren, zum Luft holen geeigneten Plateau, aber dennoch stetig ansteigt.

So ist es nun auch bei meinem Entwurf auf dem Papier. Die Dame liegt in ihrer Gänze, und wie ich finde entspannt und recht gut proportioniert. Die Grundformen sind ersteinmal auf dem Papier gebannt.

Die Dame: Was nun kommt, ist die:  Feinarbeit. Die Frisur muss sitzen, die Haarstruktur sollte idealerweise gut erkennbar sein.

Unsere Buchcharaktere sollten wir an diesem Punkt auch mutig ausarbeiten. Ihnen Eigenheiten, Charakteristiken geben, die sie für den Leser greifbar, erkennbar eben einfach sichtbar machen.

Die Dame: Als nächstes folgt ein großer Teil: der Rumpf. Die Gliederung des Rückens, von dem man gern meint, er wäre aus einem Stück. Der Rücken, der aber erst zum Leben erwacht, wenn wir die zahlreichen Muskeln sorgfältig herausarbeiten. Die Muskeln, die allesamt bei dieser einen Bewegung harmonisch und zeitgleich zusammenspielen. Ohne die, die Dame auf dem Bild keine eigene Dynamik hätte.

Ein lebloses Wesen wäre sie, wie unsere Geschichte auch, wenn wir es an diesem Punkt nicht schaffen, die Charaktere zusammen zu fügen um ihr Spiel, mit und/ oder gegeneinander zu beginnen. Ein sehr wichtiger Moment, der wirkliche Beginn der Geschichte, wenn wir sie nun endlich in AKtion zueinander setzen.

Die Dame: Die Herausforderung der : Gliedmaßen ,  auf meinem Bild fast zerbrechlich und klein. Und dennoch so unheimlich wichtig, bringen sie doch die Dame, wenn sie aufsteht von A nach B.

Treiben wir also in unserer Geschichte vergleichbar mit ihr, die Protagonisten jetzt unaufhaltsam voran. Voran und hin zu einem Ziel, das wir spätestens jetzt genau definiert haben sollten.

Mit ihren Händen ist die Dame in der Lage das Wesentliche zu fassen. Gilt es nun für uns in unserer Geschichte auch das Wichtige herauszuarbeiten, damit die Dame und unsere Leser es greifen können.

Das Grundgerüst steht, der Korpus ist fertig. Die Muskeln sie spielen und halten die Dame in ihrer gewählten, eingenommenen Haltung. Die Charaktere in unserer Geschichte tun es ihr gleich.

Die Dame: Was nun noch fehlt : sind Tiefe und Schatten. Punkte erhellen, die wir für wichtig, im Licht zu stehen, erachten während andere weiter nach hinten ins Dunkel treten. Ein Prozeß, der die Dame, wie auch unser Buch dergleichen, erst wirklich und richtig zum Leben erweckt. Uns den Eindruck vermittelt, wir könnten danach greifen. Das scheint nach all den vielen anderen Schritten mit das Wichtigste bei beidem zu sein. Sonst wirken, die Dame wie auch unsere Geschichte oberflächlich, eindimensional und regelrecht platt

Ich handhabe es bei meinem Buch wie bei den Bildern: von links nach rechts, damit ja nichts verwischt. Mein Bild ist immer an allen Stellen gleich unvollendet. Wirkt es daher für den ein oder anderen, in den verschiedenen Stadien des Malens, beinahe schon fertig und zu Ende gebracht.

Doch wir daran Schaffenden wissen es in dem Moment einfach noch ein bisschen besser und arbeiten uns stetig, immer weiter an das vollkommen Vollendete heran. Glücklich, wenn wir zum Schluss endlich die Hilfslinien löschen und das Storyboard zur Erinnerung in der Schublade verstauen.

in diesem Sinne, viel Erfolg euch Allen weiterhin!