Spätsomma

Die Ferienzeit neigt sich dem Ende, ebenso wie der Sommer, auf den wir das ganze Jahr gewartet haben. Er macht in diesen Tagen einem Spätsommer alle Ehre und nach meinem überstandenen 40. Geburtstag befinde auch ich mich, gefühlt kurz vor dem Klimakterium, mitten drin im „Altweibersommer“. ;)😂

 Tatsächlich hat die Welt sich nach dem Tag X nicht aufgehört zu drehen. NEIN, vielmehr scheint sie noch an Geschwindigkeit zugenommen zu haben, bei all meinen Projekten die nun endlich auf Erfüllung drängen. Die Frankfurter Buchmesse rückt Tag für Tag näher und das White Board ist überfüllt mit „dringenden “ Dingen.  Der Vorsatz mit diesem Office-Monstrum weg von den 1000 Zetteln  hin zu etwas Ordnung zu kommen, weicht nach und nach mit den zusätzlich angefertigten handschriftlichen Notizen. Doch es hilft kein Jammern, nur abarbeiten, doch heute Morgen , jetzt um kurz nach vier, denke ich an euch und meinen blog. So sende ich euch dieses Lebenszeichen aus diesem Sommer, aus diesen Tagen, in denen auch die Ferien zur Neigen  gehen. Bald hat uns der Alltag wieder voll im Griff und für die Kurzen beginnt die Schule wieder. 

Gestern abend habe ich zum einschlafen einen Podest gehört über die Wandlung der deutschen Sprache unter dem Einfluss der Migration. Tatsächlich war es so interessant, dass an ein Einschlafen nicht zu denken war. Als Mutter von drei Jungs fühlte ich mich verstanden, bekräftigt, bestätigt bei meiner Wahrnehmung, dass das Schwinden der deutschen Grammatikfälle kein Einzelphänom in unserem Haushalt ist. Genitiv und Dativ weichen scheinbar widerstandslos dem Akkusativ und die Zauberwörtchen der Präpositionen entern das Schiff der Muttersprache. Da gibt es nur noch „Schuhe von Moritz“ (anstatt Moritz‘ Schuhe), „das Haus vom / von Nachbar“ ( anst. D.H.des Nachbarn) und „ich mach Schule “ ersetzt die Hausaufgaben.

Überhaupt „machen“ wir unheimlich vielen unserem Haus : “ vom Abwasch, über den Fernseh an, das Essen bis hin zum Zimmer“ . Verschwunden sind die vielen Verben, Tunwörter, deren Deklination die Grundschüler hin und wieder an ihre Grenzen bringt, wenn wir nicht mehr „abwaschen, einschalten, Essen kochen oder aufräumen“.

Doch auch ich habe heute schon „gemacht“ und zwar entschieden, dass ich die anderen Projekte später mache, gleich nach dem Blog und dem googeln, was  diese Spätsommertage zum Altweibersommer macht. Und nein,  es ist nicht der Reigen all jener, die in diesen Sommermonaten älter geworden sind. Vielmehr stammt der Ausdruck irgendwann aus dem 19. Jahrhundert als die Sprache noch unverroht war.  So leitet sich der Ausdruck von den Spinnenfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Lüfte segeln. Ihr Flugfaden erinnerte die Menschen an das graue Haar alter Frauen und mit „weiben“ wurde im althochdeutschen das Knüpfen von Spinnenweben bezeichnet.

Lt. Wikipedia legt eine andere Erklärung das Motiv der zweiten  Jugend bei Frauen nahe, die als unzeitig und nur für kurze Zeit andauernd angesehen war. Also ich tendiere zu dieser zweiten Variante, da ich es mit Spinnengetier nicht so sehr habe. Zumal es mich jetzt schon kribbelt wenn ich an den Volksglauben denke, wonach es von einer baldigen Hochzeit kündet, wenn sich solch ein Spinnenfaden im Haar eines Mädchens verfängt…

In diesem Sinne wünsche ich euch noch viel Sonne und wenn es doch einmal regnet, einen Regenbogen. 

“ Ein Hoch auf den Somma, macht euch ne schöne Zeit. Macht Erholung und tut das mal so richtig genießen! “ ;):)

Eure Nadin

Ghostbusters

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Gestern ist es fast schon wieder passiert: ich habe beinahe einen von ihnen überfahren.

Einen von ihnen- damit meine ich einen von diesen Ghostbusters der Neuzeit. Auch wenn sie ohne die formschönen Overalls der 80er Jahre durch die Lande streifen und ihre Hauptwaffe, den Dematerialisierer, dessen Strahlen die Spukgestalten desintegrieren, nicht bei sich tragen, erkennt man sie doch auf den ersten Blick. Am auffälligsten sind der stets gesenkte Kopf und die starr auf das Handydisplay gerichteten Augen. Vergessen sind all die Vorsichtsmaßnahmen : kein Handy im Straßenverkehr – sie nehmen ohnehin nicht wirklich am daran teil. Wir anderen Verkehrsteilnehmer sind nur ein lästiges Hindernis auf ihrer Jagd, ein kleiner Widerstand hier in der Realität, während sie auf der virtuellen Pokemonjagd sind.

Jake Kong Jr. und sein Gefolge streifen durch die Straßenzüge jedes Ortes, abgetaucht in ihrer eigenen Welt und nicht selten alles andere um sich herum vergessend.
Dabei werden Straßenkreuzungen nur zu einem Knotenpunkt auf dem Display und alle anderen Verkehrsmittel großzügig ausgeblendet.
Sie sind irgendwie Teilnehmer in diesem Verkehr und irgendwie auch nicht. Sie bilden eine eigene Klasse für sich, die bald eine Rubrik in der Fahrschule ähnlich dem Gefahrguttransport erhält. Beinahe dreist und uneinsichtig, mit scheinbaren Sonderregeln wie Fahrradfahrer in der Einbahnstraße ausgestattet, nehmen sie als Einzelkämpfer oder zu Gruppen formiert selbstbewusst am Straßenverkehr teil.

Gestern waren also wieder so ein paar Nachfahren von Jake Kong Jr. und Eddie Spencer Jr. mit dem Ghost-Gummer unterwegs, als ich mit meinem Auto wohlgemerkt der 30er Geschwindigkeit auf der Hauptstraße folgte.
Lediglich ihr Aufschrei: „Da ist er!“ warnte mich rechtzeitig, bevor die zwei mit gesenkten Köpfen auf die Straße sprangen. Die weit aufgerissenen Augen der beiden knapp 14 Jährigen nach meiner Vollbremsung waren nur ein kurzes Intermezzo vor dem erneut prüfenden Blick auf ihr Handy.

„Jetzt hättest du ihn fast überfahren!“
Dieser Vorwurf dringt durch mein geöffnetes Fenster.
„Mensch- ihr müsst doch gucken bevor ihr auf die Straße rennt! Um ein Haar wäre es mit den Ferien aus bevor sie beginnen!“
Mein Herz rast und das schlechte Gewissen meldet sich, ehe ich bemerke, dass die ausgerufene Sorge gar nicht dem fast angefahrenen Freund sondern dem vor meinem Auto hockenden virtuellen Pokemon galt.

„Ich hab ihn!“
Der kommende Jubelschrei lässt den anderen herumfahren und die brenzlige Situation ist für die beiden ebenso vergessen wie der durch unser Zusammentreffen entstandene Stau auf der Dorfdurchgangsstraße.

Pokemon-go, diese neue virtuelle Welt in der unsrigen – bald werden die Navis in den Autos neben den Staus und Gefahrenmeldungen sowie den Symbolen für Tankstellen, Raststätten auch die Pukis, Bisamsams und die anderen Pokemon Freunde anzeigen.

Die lästigen Aufforderungen der Eltern : “ Geh doch mal wieder raus und spiel was draußen! “ wurden von den Entwicklern dieses Spiels erhört und treibt nun die Spieler wieder an die frische Luft.
Wenn sie dann voller Vorfreude das Haus verlassen sagen wir als Eltern zu den Pubertierenden wieder: “ Aber achte bitten auf die Straße, renn nicht einfach rüber – schau mal nach rechts und links …“ …. das folgende Nicken wirkt wenig überzeugend und die Kindergartenzeit nur einen Steinschlag entfernt. Bald werden die ersten Eltern erst wieder entspannt aufatmen, wenn die Schützlinge unbeschadet nach der Pokemon Jagd wieder das elterliche Haus betreten, ein Gefühl wie nach der ersten Ausfahrt allein mit dem Auto.

Gestern nahmen mein Ältester und sein Freund die Roller der Jüngeren mit auf die Suche „um schneller zu sein“ … ich bot den 13Jährigen das Auto an. Sie verdrehten die Augen, während ich noch etwas von Kamikaze murmelte und ich ignorierte ihre Bewunderung für einen Freund, der gestern freihändig Fahrrad fahrend einen von Pikachus Freunden gefangen hat.

Mögen all die Pokemon Jünger auf ihrer Jagd von einem Schutzpatron begleitet werden – ich wünsche euch allen eine schöne Ferien- und Urlaubszeit!

Immer wieder sonntags…

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Es ist kurz vor fünf an diesem Sonntagmorgen.
Die letzten Nachtschwärmer werden sich gerade seufzend,  wohlig einkuschelnd in ihren Betten verkriechen. Sich selbst, den mitfeiernden Freunden oder sonst einer höheren Macht dankend, dass der Abend ohne größere Ausfälle ein gutes Ende genommen hat. Dass die, eilig auf dem Weg zum letzten freien Taxi hechtende noch heruntergeschlungene Mahlzeit sich bei der kurvigen  Heimfahrt nicht wieder ihren Weg nach oben gebahnt hat. Das letzte Bier, der letzte Schluck Wein scheint schlecht  gewesen zu sein. So jedenfalls lässt sich, das mulmige Gefühl in der Magengegend deuten während sie nun versuchen das Karussell im Bett mit dem heraushängenden Bein zu bremsen.
Die anderen von uns freuen sich,  wenn sie zu dieser Zeit fast panisch in ihrem Bett aufschrecken. Hektisch nach dem Wecker schauen, um dann festzustellen, dass Sonntag ist. Ein glücklicher Seufzer, ein erneutes Abtauchen unter der angewärmten Decke. Die Augen schließen sich dem müden und entspannten Geist an und ruhen kurze Zeit später wieder hinter den geschlossenen Lidern. 

Mich hat es vor einer Stunde ruckartig  aus dem Bett getrieben. Pünktlich um 4.29 Uhr.  Fast scheint es, als kam pünktlich mit dem 35. Geburtstag vor ein paar Jahren diese senile Bettflucht als Gratisbeigabe. „Augen auf-raus-im Bett sterben die meisten Menschen!“
Mein Vater spricht schon seit Jahren von diesem Phänomen. Früher habe ich ihn belächelt. Heute Morgen wäre ich um diese Uhrzeit sicher er wäre schon wach wenn ich ihn anrufen würde.

Im Garten sind um diese Zeit noch keine Vögel zu hören. Als Hobby Ornithologe kann ich sagen, sie beginnen in der Regel pünktlich mit dem Glockenschlag um sechs Uhr. Das Dorf liegt mucksmäuschenstill rund um unseren Garten.
Der erste Kaffee schmeckt vor fünf sowieso am Allerbesten und während ich daran denke, euch heute mit meinem blog einen ganz wunderbaren Sonntag zu wünschen, kreisen meine Gedanken schon um die anstehenden und heute noch zu beendenden Projekte.
Die Kurzgeschichte für die Anthologie des Autorennetzwerkes steht und muss heute Abend nur noch einmal nachkorrigiert werden, ehe sie abgegeben werden kann.  Eine zweite Geschichte für eine Ausschreibung muss noch mit dem auf dem Speicher stehenden alten Drucker auf das jungfräuliche weiße Druckerpapier gebannt werden.
Ich habe mir mein angefangenes Buchprojekt wieder beherzt zur Brust genommen und die darin lebenden, befreundeten Senioren sind unendlich dankbar, seit gestern endlich von ihrem Stuhl im Innenhof aufstehen zu können.
Dann warten noch die „ehrlichen “ Arbeiten auf mich. Haus, Garten und Kinder. Das weitere Verputzen des langsam freundlicher werdenden Bades unten und die Saubermacharbeiten hinterher. Das Anbringen von Waschbecken, Heizkörper und Dusche. Der Wohnwagen will für die kommende Urlaubsfahrt am nächsten Wochenende noch gerichtet werden und „kleinere Vorarbeiten “ hinsichtlich Wäsche und Haus…sind dafür noch nötig.
Ach ja und der Kleinste will heute seine Ausfahrt mit dem gestern erstandenen Fahrrad machen und der Zwölfjährige von seinem Nachtangeltrip am Vereinssee abgeholt werden.
Positiv gestimmt, dass der mittlere nach einem langen Ausschlafen gut gelaunt ist, und alle drei Kinder nur halb so streitlustig wie gestern sind, bin ich zuversichtlich alles an diesem Sonntag zu schaffen. ..liegen doch noch genügend Stunden vor uns.

Ein kritischer Blick auf meinen schmerzenden Daumen, der mir das Halten des Kulis heute Morgen wirklich erschwert.

Angegriffen hat er mich gestern. Hubi, der neue gestachelte Freund unseres Zwölfjährigen. Mitten in der Menschenmasse des TOOMbaumarktes gestern vormittag als sich der dreikugelige Kaktus bei einem Balanceakt an der Kasse entschied, mit der vollen Länge und all seinen Stacheln  auf meine Hand zu fallen. Drei, so wie es sich jetzt anfühlt, sicher mit nervengift versetzte Stacheln mit verheerenden Widerhaken haben sich tief in meinen Daumenrücken  gebohrt.
Der Schmerz hält bis heute morgen an…

Jetzt aber genug gejammert : dankbar sollte ich sein. Dankbar dafür, dass sich der Sohn in letzter Sekunde dafür entschieden hatte, die ursprünglich ausgewählte fleischfressende Pflanze gegen diesen „Hubi“ zu tauschen. Nicht auszudenken,  wie mein Daumen sonst heute aussehen würde, wenn es ihn denn überhaupt noch gäbe   😉

In diesem Sinne wünsche ich euch einen ganz wunderbaren Sonntag und fühlt euch gegrüßt, Eure Nadin

„Des müsste mer ma…“

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…mache!“

Mein Mann hat jetzt eine Woche Urlaub. Eine Woche Urlaub zuhause. Also ohne Wegfahren, neue Eindrücke, eine andere Umgebung oder dem sowieso des wenigen Platzes geschuldeten Chaos im Wohnwagen – oder sonst irgendwelcher mildernden  Umstände.
Urlaub DES Mannes zuhause bringen neben der Freude die uns alle vier dabei umgibt, nicht selten vorher ungeahnte Projekte für Mama mit sich. Der unausgelastete Geist des Homo Mannes  findet mit wachen Äuglein Winkel und Ecken die zuvor im Alltag geflissentlich und großzügig  übersehen werden.
So nun auch gestern.
„Die Dusche unten müsstest du dir auch nochmal anschauen, vielleicht können wir da mal was machen…“
Mit „schauen „meint es „tun“; mit „wir“ meint es „du“ und mit „mal“ eigentlich „lieber gestern als morgen“.
Da er selbst mit Vereinsarbeiten, dem Ausnehmen von Fischen, dem kontrollierten Frittieren und dem Verein erlöseinbringenden Verkauf beschäftigt ist, bin ich an diesem Montagmorgen in dem Fall eins mit „wir“ und „es“. Zwei kranke Kinder daheim,  der noch gefüllte Wohnwagen vom Wochenende verweigert die Ausräumung mit der verschlossenen Tür. Auch der Laptop ist noch sicher darin verwahrt, so dass auch Korrektur schreiben am neuen Projekt ausfällt. Das Haus ist soweit aufgeräumt, die beiden Kranken liegen gut gebettet, versorgt und entspannt vor einem Genesungsfilm.
Also mache ich mich motiviert und gut bepackt mit allerlei Putzmitteln, allen im Haus  auffindbaren  chemischen Keulen und einer ausreichenden Menge Einweghandschuhe nach unten ins Gästebad.

Der Stein des Anstoßes steht im unteren Bad. Wie ein Fels in der Brandung in dem Haus, das wir vor zehn Jahren gekauft haben. Baujahr 1978 und böse Zungen mögen behaupten  die Duschkabine aus dem geriffelten  Plastikglasverschnitt mit den 6 Schiebeelementen stünde bereits seit dem ersten Tag darin.
Ein prüfender  Blick von außen, ein folgendender von innen mit sofort nassen Socken, da die Duschwanne von der morgendlichen Hygiene des Fischfrittiermeisters noch nicht getrocknet ist.
Ein kritischer Blick in den Korb mit Putzmitteln –  für jeden Anlaß gerüstet.

Bereits während des großzügigen Einsprühens  wird mir klar, dass ich die Schiebevorrichtung mit all den kleinen Winkeln und Furchen  selbst mit der ausgedienten Kinderzahnbürste in meiner Hand keineswegs überall erreiche.

Und dann kommt ER. Der mir eigene, typische kurze aber heftige Geistesblitz. Eine Idee, die ich grundsätzlich und mit voller Absicht nie zu Ende reifen lasse. Würde sie doch bei dem wohlwissenden  Gedanken an die bevorstehende Arbeit in der zur Verfügung stehenden Zeit, mit Sicherheit abgelehnt werden.

Die Zahnbürste  und der Lappen landen im Korb neben den weißen, grünen und pinken Putzmitteln.  Ich laufe in den Keller.
Spachtel,  Beitel und  Werkzeugkoffer sind schnell gefunden.

37 Minuten später ist die Duschkabine abmontiert und steht verwaist wartend  auf den am kommenden Freitag angemeldeten Sperrmüll ersteinmal im Flur. Einmal in Fahrt ist nichts mehr vor mir sicher, was nicht auf ewig  dauerhaft dem Haus verbunden und schon mindestens zehn Jahre alt ist. Die uralten,  heute schon wieder in irgendeiner shabby oder retro Kategorie gehandelten Seifenhalter weichen, wie auch der braune Holzunterschrank unter dem Waschbecken. In dessen Schubladen finde ich noch Lockenwickler gefunden, die ich mit einem Blick in den Spiegel und dem betrachten der kurzen Haare keinem Erwerbsjahrgang  zuordnen kann. Ein ungläubiges Kopfschütteln ehe auch der Spiegel weicht.
Ein Blick in das leere Bad. Abgesehen von der Duschwanne, dem nackten Waschbecken und dem WC ist hier nichts mehr retro mäßig zu finden. Die Gardinenstange liegt auch schon im Flur als ich mit einem weiteren kritischen Blick in die Ecke bemerke, dass sich die alte Strukturtapete dort hinten von der Wand löst. Ein beherztes Testziehen, ein Reißen, ein Rascheln. Der fast einen halben Meter lange Streifen liegt zu meinen Füßen.
Also geschwind rauf auf den geschlossenen Toilettendeckel entferne ich nun kurzerhand die Tapete im Badezimmer. 
Dazwischen alle 17 Minuten ein Rennen nach oben. Ein „Mama!“: mal trinken, mal essen, mal juckt es am Rücken. Mal „kaka“, mal pipi und dann wieder „is schon gut“. Gern diese mütterlichen Pflichten erfüllt ist Punkt dreizehnhundert das Bad unten nackt.

Ich schaue mich um in dem kleinen, jetzt fürchterlich hallenden Raum und schrecke zusammen als mein Telefon klingelt.
Der Mann, der stolz verkündet, dass er schon „ein bisschen eher kommt“.
Ein Blick in die Leere. Ich hab ein kleines  bisschen Angst,  Asyl bei der Freundin ist schon beantragt.

Ich sags ihm noch nicht.

Auf die Frage was ich tu, bleib ich gelassen „hab ein bisschen Ordnung gemacht“

Bin ich mit doch sicher,  dass er das mit dem „man könnte“ , „mal“ , „entkeimen“ anders gemeint hat… daher warte ich bis er entspannt bei einem Kaffee hier ist und um die weiteren Projektschritte mit ihm zu besprechen   …   😉

…. to be continued

Samis Taxi – aus Speckby, Sami oder eine Form von Schizophrenie – Part 2

Er sah seinen eilig zugestiegenen Fahrgast im Rückspiegel an. Dunkle Augenringe umrahmten die fahle Haut in dem Gesicht des Fünfzigjährigen.

Das gleiche Ziel wie die Fahrgäste zuvor : Theater des Nordens, zur Premierenfeier.

Der Mann auf der Rückbank richtete die schiefsitzende Fliege, die er ganz offensichtlich in Eile um den Kragen gelegt hatte.

„So ein Mist!“ Er zupfte und zerrte an dem viel zu engen Band.

„Alles in Ordnung bei ihnen?“ Natürlich war es das nicht. Das hatte Sami schon beim Einsteigen des fahrig wirkenden Mannes bemerkt.

Seine Erfahrung als Taxifahrer in den letzten 40 Jahren hatte ihm jedoch gezeigt, dass er einige Menschen regelrecht erschreckte, wenn Sami ihnen gleich beim Einsteigen einen passenden Ratschlag fürs Leben erteilte.

Also hatte er irgendwann die Strategie gewechselt und beschränkte sich seither erst einmal auf diese unverfängliche Nachfrage.  Was dann kam, überhörte er in der Regel bald automatisch geflissentlich. Waren es doch die bekannten und zu oft gehörten Worte über den Stress, das Wetter oder noch schlimmer die pure Verleugnung mit den Worten: „Es sei alles okay!“

Natürlich war das eine nachvollziehbare und erklärbare Reaktion. Sami sah es ja ein. Er wollte auch nicht mit jedem x-Beliebigen seine Probleme besprechen. Und schon gar nicht mit einem tickenden Tachometer im Nacken, das unbarmherzig die Kosten dieser ungefragten Therapieminuten anzeigte.

Also ließ Sami sie gern in dem Glauben, er nähme ihre ausweichende Antwort ernsthaft annehmend zur Kenntnis.  Er fragte für diesen Moment einfach nicht weiter nach.

In der Regel schaltete Sami anschließend das Radio etwas lauter. Gerade soviel, um seinem Fahrgast damit auf die sowieso schon angespannten Nerven zu gehen, aber leise genug, um dessen bald kommende Bitte, es auszumachen nicht zu überhören.

„Können sie das bitte ausmachen?“ Diesmal kam es noch schneller als erwartet. Sami hatte in Gedanken erst bis acht gezählt. Der Durchschnitt heute Abend lag bisher bei 12. Er würde es nachher korrigieren müssen, bevor der neue Fahrgast einstieg.

„Natürlich!“

„Wie lange ist es noch?“ – “ Zwölf Minuten, etwa.“

„Präziser geht´s wohl nicht?!“ Sami schluckte diese eindeutige Provokation. Wohlwissend, dass sie eigentlich nicht ihm persönlich galt.

„Entschuldigen Sie…“

Aha, im Durchschnitt liegend. Sami war mit dem Zählen gerade bei zwei angekommen.

„Ein furchtbarer Tag, heute?“, begann Sami schließlich leise nachfragend.

Jetzt hatten sie die „notwendige persönliche Bindung“ aufgebaut. Der fünfzigjährige Fahrgast hatte wegen seiner forschen Art kurz zuvor ein schlechtes Gewissen und würde daher diese erneute Nachfrage nicht wieder abweisen.

„Der Schlimmste überhaupt, glaube ich.“

Die Ampel war rot, und Sami stoppte den Wagen langsam und gewissenhaft an der durchgestrichenen Linie. Was nun noch fehlte war ein mitfühlender, nachfragender, und den Fahrgast zum Weitersprechen ermutigender Blick. Der Hintensitzende würde ihn sehen, da er bereits jetzt in den vorn hängenden Rückspiegel schaute und darin nach einer Reaktion des Fahrers auf sein Leidensbekenntnis suchte.  Samis Blick traf den des Fünfzigjährigen, als er nun in den kleinen Spiegel und zu ihm nach hinten sah. Er korrigierte die eigentlich optimal passende Einstellung mit einem winzigen Griff an das Glas und signalisierte damit die Bereitschaft, gern zuzuhören.

„Ich bin ganz Ohr!“ , sagten diese Geste und Samis beruhigende dunkle Augen. Noch bevor die Ampel umschaltete, begann der Fünfzigjährige zu erzählen …

Wen würdet ihr gern einmal in Samis Taxi sehen, und in wessen Geschichten als Beobachter und Zuhörer abtauchen?  Ich wünsche euch viel Erfolg bei eurem kerativen Schaffen heute und den ein oder anderen Fahrgast in Samis Taxi.

Eure Nadin

Speckby, Sami oder eine Form von Schizophrenie – Part 1

Vielleicht hat jeder von uns Schreiberlingen so einen einmaligen Freund namens Sami. Für mich ist Sami mein unerlässlicher Retter in der Not.

Manchmal und das nicht zu selten, lache ich herzhaft, kopfschüttelnd über mich selbst. Vergleichbar mit dem 4-Jährigen, der morgens müde mit dem vernautschten Kuscheltier unter dem Arm den Frühstückstisch gemeinsam mit mir deckt, sind wir als Autoren ganz selten allein.

Der Kleine ist emsig bei der Sache : ein Teller für sich, einen für den Teddy, der auch ganz fürchterlich Hunger hat, und einen für Speckby, den imaginären Freund. Kritisch, bald ängstlich habe ich beim ersten Kind diesen Prozeß beobachtet. Heute bei Kind Nummer drei bin ich deutlich entspannter. Durch ihn angespornt stelle ich noch zwei, drei Teller für die Hauptakteure in meinem neuen Projekt auf dem Tisch dazu. Manchmal reicht der für 8 ausgelegte große Holztisch nicht und wir ziehen ihn kurzerhand gemeinsam für die noch fehlenden, gerade „im Bad zähneputzenden „Freunde““ aus.

Ein einmaliges Schauspiel am Morgen um acht, wenn der Pimpf und ich am vollgedeckten Tisch zu zweit frühstücken. „Was macht Speckby jetzt?“ – „Er trinkt Kakao. Oh, jetzt hat er ganz viel davon verkleckert!“ Der Kleine ist entsetzt. Ich springe auf, hole eilig ein Tuch, bevor das imaginäre Getränk bis auf den braunen Laminatboden tropft.

Speckby, der Freund des Vierjährigen ist in unserem Haus seit zwei Jahren bereits Dauergast. Meine Kaffeetrinker und eingeladenen Gäste wechseln hingegen häufiger. Je nach Projekt bleiben sie eine Weile zur unbezahlten Untermiete, oder stoppen am Abend nur rasch zu einer kurzfristigen Grilleinladung vorbei.

Die einen von uns mögen spätestens an diesem Punkt über Schizophrenie nachdenken, die anderen gratulieren sich zu diesem unerschöpflichen Pool in ihrer Phantasie.

Manchmal, wenn es mir schwerfällt, einen neuen Gast an unserer Tafel zu entdecken, begebe ich mich mit meinem Kumpel Sami auf die Suche nach ihm. Sami ist mein Speckby. Der Retter in der Not. Der Sorgenfresser, stets hilfsbereit und mit unerlässlicher Menschenkenntnis und einem wachsamen Auge gesegnet. Wenn ich die manchmal leeren Gänge meines Kopfes schon unzählige Male erfolglos hinauf und hinab gestiegen bin, steige ich gern ein in sein Taxi und begebe mich mit ihm auf die nächtliche beruhigende Fahrt. Dann steigen sie ein, die Jungen und Alten, die Männer und Frauen, die Kranken und Gesunden. Die Glücklichen, die Traurigen, die Verzweifelten und die Jubelnden.

Während ich schweigend auf dem Beifahrersitz sitze und gebannt zuhörend erfahre, was sie Sami über ihr Leben, ihre Geschichten und ihre Höhen und Tiefen verraten.  Ich bin gespannt, als Zuhörer lauschend, nehme es und ihre Geschichten dankbar in mir auf. Wenn sie dann ankommen am genannten Ziel und ihre Tür sich auf nimmer Wiedersehen öffnet, lade ich sie manchmal auf einen Kaffee mit Speckby zu uns ein. Immer dann, wenn ich glaube und zu wissend bald fühle, dass in ihnen noch mehr steckt, als diese kurze Fahrt bisher verriet.

Wenn ihr grad zweifelt, neue Impulse sucht, einen Anstoss braucht, steigt gern ein mit mir in Samis Taxi und begegnet den vielen wunderbaren Menschen dieser Welt …

… to be continued