Der Schreiberling

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Der Mythos Schreiben begeistert seit jeher die Menschen.
Diejenigen, die es schaffen, ihre Gedanken und Worte auf das Papier zu bannen und mit ihren Geschichten den Schreiber und die Zeit überdauern. Sie werden nicht vergessen und auf dem geduldigen, Ewigkeit versprechenden Blatt überleben.
Überleben und den Leser verschiedener Epochen wieder eintauchen lassen in die Welten jenes Geistes. Jenes Geistes, der sie einmal aufgeschrieben hat. Den sie umgetrieben, vielleicht erlösten  oder ein anderes Mal bald wahnsinnig machten.
So viele Schriften  aus den vergangenen Jahrhunderten, die uns zeigen wie die Menschheit sich weiterentwickelt hat.  All die Fortschritte festhalten, die das Leben rings um sie herum machte, von den Erfindungen,  technischen Errungenschaften , dem Alltagsleben bis hin zur Weltanschauung. 

Und dann nehmen wir es heraus, ganz sorgsam damit es nicht bricht, dieses Buch mit den dünnen, vergilbten fast Pergamentpapier gleichenden Seiten.
Mit seinen Worten sehen wir auch den Schreiberling. Schon lange gestorben vor hunderten Jahren sitzt er wieder an seinem Schreibtisch, den Kamin im Rücken. In seinem Bart zwirbelnd, nachdenklich wie er er den besten Einstieg in die Geschichte findet, ehe der Gedankenblitz ein Lächeln auf sein vom Leben gezeichnetes Gesicht zaubert.
Als er dann Kiel und Feder ins Tintenfass taucht und mit den wohlgeschwungenen Buchstaben auf dem Papierbogen die ersten Worte zu schreiben beginnt.

Vorsichtig öffnen wir den angegriffenen Einband und blättern die erste Seite um.
Wir sehen die Jahreszahl, die Nummer der Ausgabe und streichen vielleicht gedankenversunken darüber.
Auf der kommenden Seite die Widmung an jemanden, der, den liebevollen Worten zu urteilen nach, etwas ganz besonderes für den Autor gewesen sein mag.Jemand , der mit diesen kurzen Worten ebenso damit seinen Platz in der Ewigkeit gefunden hat.
Wir machen uns auf mit dem ersten Kapitel und tauchen ein in eine Welt, die schon vor so vielen Epochen endete.
Der Schreiberling selbst ist bereits seit über 200 Jahren tot und doch wird er jetzt mit seinen Worten lebendig.
Wir lernen ihn kennen, er wird uns vertrauter mit jedem Wort aus seiner Feder, das wir leise  lesen.

So viele Jahre, Jahrhunderte sind seit diesem Aufschrieb vergangen. Die Welt hat sich unaufhörlich weiter gedreht. Eine technische Errungenschaft jagte die nächste,  Dinge von denen der Schreiberling noch nicht einmal zu träumen wagte, wurden erfunden.

Und doch ist es so, wenn wir den Einband vergessen, die Jahreszahl unter der Ausgabe und die alte Schrift ausblenden, dass er mit all seinen Gedanken, Ängsten und Träumen unser Nachbar dort drüben auf der anderen Straßenseite sein könnte.
Dort könnte er sitzen in seiner Bibliothek,  an dem dunklen Schreibtisch hinter den grünen  Brokatvorhängen in seinem eichenverkleideten Herrenzimmer. Sein Blick schweift aus dem Fenster,  der Sonne entgegen, die Vögel bei ihrem Flug beobachtend auf der Suche nach dem passenden Satzanfang grübelnd.
Die Tasse Tee oder das Glas Wein am Abend sicher auf einem silberfarbenen Tablett abgestellt, hebt er es an die Lippen und trinkt in kleinen Schlücken während er über das Leben, die Welt und die Menschen darin sinnt.

Dieselben Gedanken, die wir uns heute noch machen. Beim Schreiben von Geschichten und den Hauptpersonen die wir dabei erschaffen.
Scheinen doch plötzlich selbst nach den mehreren einhundert Jahren, die Fortschritte nur um uns herum zu geschehen wobei die Fragen, die uns als Mensch beschäftigen, immer die ähnlichen und gleichen  bleiben.
„Wo stehen wir und wie schlagen wir uns dabei?  Warum sind wir genau hier und wo sollten wir eigentlich sein? “

Mögen sich auch die Rahmenbedingungen verändert haben, bleibt die Seele der Menschen dabei scheinbar unberührt.
Wahrscheinlich lesen wir sie auch heute deshalb noch so gern. Diese sogenannten Klassiker der Weltliteratur. Wenn wir das Erscheinungsdatum nicht kennen und den Schreibstil außer Acht lassen, könnten wir bei ihren Geschichten nicht sicher sagen, ob sie beim Schreiben schon elektrisches Licht auf ihrem Schreibtisch hatten oder das laute Rollen der Kutschen auf den unbefestigten Wegen draußen vor dem Fenster sie hin und wieder im Schreiben stocken ließ.
Sie sind uns so ähnlich mit ihren Ängsten und Träumen auf der Suche nach der Lösung in diesem Rätsel namens Leben.
Wir leiden mit ihnen bei Enttäuschungen und Schmerz, fühlen die Liebe, die Erfüllung oder den Sieg.
Sie inspirieren uns und leiten uns an, einen begonnenen Gedanken mutig weiterzudenken.

Sie sind uns Muse, Mut und Zuversicht,  wenn wir erkennen,  das wir mit unseren Gedanken, Träumen und Zweifeln schon seit mehreren hundert Jahren nicht wirklich alleine sind.

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Der wortlose Abschied vom Abschied

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Fast ist es ein wenig wie sich vor dem Abschied drücken. Den Zeitpunkt des Aufbruchs und des „Adieu“-Sagens immer wieder aufzuschieben.

So oft hatte ich heute Morgen schon den Block mit der Überschrift „Teil 3“ in der Hand. Lange darauf geschaut und mich dann doch für etwas Anderes entschieden.
Es ist bald so, als käme ich an das Finale für mein Manuskript nicht heran. Was nicht daran liegt, dass ich nicht wüsste, wie es weitergehen soll.
Dieser letzte Teil so glaube ich, ist wohl der einzige Teil von dem ich schon im Vorfeld weiß,  was geschehen soll und wie das Ende aussieht.
An die anderen beiden,  die bisher noch ein gemeinsamer Teil 1 sind , bin ich eher improvisierend  ans Werk gegangen. Bis auf eine grobe Richtung im Kopf, wohin die Reise der Protagonisten gehen soll, habe ich ihnen viel Freiraum gelassen um sich zu entwickeln. Sie hin und wieder eingefangen, wenn ich das Gefühl hatte es geht mit ihnen durch. Sie dann auf die „Bank der Ruhe“ gesetzt und die „Bühne“ mit jemand anderem gefüllt, bis ich wusste, wie es mit ihnen weitergeht.

Nun liegt es an mir, ihnen ein Ende zuzuschreiben. Ihre Entwicklung an diesem Punkt zu unterbrechen und zu manifestieren.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe,  weshalb es so viele Fortsetzungsromane gibt: weil der Autor sich von seinen Figuren einfach nicht trennen kann oder will.
Vielleicht sollte ich mein Ende auch offen gestalten, und ihnen und mir damit die Möglichkeit geben, weiter zu gehen und an sich zu arbeiten.
Allerdings bin ich mir noch nicht ganz sicher,  ob das zum Verlauf der bisher 80.000 Worte passt oder ein „richtiges “ Ende unausweichlich, da realistischer erscheint.

Womöglich ist das auch der Grund, weshalb ich so um den Block herumschleiche. 
Es verbindet sich die Angst vor dem Abschied mit jener Angst, den acht Personen das für sie passende Ende zuzuweisen.
Mich hier jetzt nicht zu irren, ihnen in ihrer Entwicklung treu zu bleiben, und mich dabei ganz langsam aber sicher persönlich von ihnen zu entfernen.

Back home …

20150824_073929Back home… nach wundervollen Urlaubstagen in Südfrankreich. Neben der Erholung kam auch das Schreiben nicht zu kurz. Ich war fleißig, habe die ersten 180 Seiten des neuen Projektes Korrekturgelesen und mehrere zehntausend neue Worte geschrieben.

Das entstandene Naturschutzgebiet des Gartens ist wieder einer Wohflühloase gewichen und die letzten Taschen werden heute noch ausgepackt.

Zuhause erwartete mich die Kurzgeschichte für die Anthologie per Mail aus dem Lektorat. Johanna Nagl, hat wundervolle Arbeit geleistet und ich danke dir sehr dafür. Bin ich doch nach der Korrektur heute Morgen damit wieder einen großen Schritt weiter.

Die Veröffentlichung der Anthologie des Autorennetzwerkes ist für Ende des Jahres geplant und der Erlös geht nach der Abstimmung an den Verein „BrotundBücher“. Ichh freue mich sehr dabei sein zu dürfen und wünsche euch allen Kreativen heute einen wundervollen Tag!

Liebe Grüße, eure Nadin

Speckby, Sami oder eine Form von Schizophrenie – Part 1

Vielleicht hat jeder von uns Schreiberlingen so einen einmaligen Freund namens Sami. Für mich ist Sami mein unerlässlicher Retter in der Not.

Manchmal und das nicht zu selten, lache ich herzhaft, kopfschüttelnd über mich selbst. Vergleichbar mit dem 4-Jährigen, der morgens müde mit dem vernautschten Kuscheltier unter dem Arm den Frühstückstisch gemeinsam mit mir deckt, sind wir als Autoren ganz selten allein.

Der Kleine ist emsig bei der Sache : ein Teller für sich, einen für den Teddy, der auch ganz fürchterlich Hunger hat, und einen für Speckby, den imaginären Freund. Kritisch, bald ängstlich habe ich beim ersten Kind diesen Prozeß beobachtet. Heute bei Kind Nummer drei bin ich deutlich entspannter. Durch ihn angespornt stelle ich noch zwei, drei Teller für die Hauptakteure in meinem neuen Projekt auf dem Tisch dazu. Manchmal reicht der für 8 ausgelegte große Holztisch nicht und wir ziehen ihn kurzerhand gemeinsam für die noch fehlenden, gerade „im Bad zähneputzenden „Freunde““ aus.

Ein einmaliges Schauspiel am Morgen um acht, wenn der Pimpf und ich am vollgedeckten Tisch zu zweit frühstücken. „Was macht Speckby jetzt?“ – „Er trinkt Kakao. Oh, jetzt hat er ganz viel davon verkleckert!“ Der Kleine ist entsetzt. Ich springe auf, hole eilig ein Tuch, bevor das imaginäre Getränk bis auf den braunen Laminatboden tropft.

Speckby, der Freund des Vierjährigen ist in unserem Haus seit zwei Jahren bereits Dauergast. Meine Kaffeetrinker und eingeladenen Gäste wechseln hingegen häufiger. Je nach Projekt bleiben sie eine Weile zur unbezahlten Untermiete, oder stoppen am Abend nur rasch zu einer kurzfristigen Grilleinladung vorbei.

Die einen von uns mögen spätestens an diesem Punkt über Schizophrenie nachdenken, die anderen gratulieren sich zu diesem unerschöpflichen Pool in ihrer Phantasie.

Manchmal, wenn es mir schwerfällt, einen neuen Gast an unserer Tafel zu entdecken, begebe ich mich mit meinem Kumpel Sami auf die Suche nach ihm. Sami ist mein Speckby. Der Retter in der Not. Der Sorgenfresser, stets hilfsbereit und mit unerlässlicher Menschenkenntnis und einem wachsamen Auge gesegnet. Wenn ich die manchmal leeren Gänge meines Kopfes schon unzählige Male erfolglos hinauf und hinab gestiegen bin, steige ich gern ein in sein Taxi und begebe mich mit ihm auf die nächtliche beruhigende Fahrt. Dann steigen sie ein, die Jungen und Alten, die Männer und Frauen, die Kranken und Gesunden. Die Glücklichen, die Traurigen, die Verzweifelten und die Jubelnden.

Während ich schweigend auf dem Beifahrersitz sitze und gebannt zuhörend erfahre, was sie Sami über ihr Leben, ihre Geschichten und ihre Höhen und Tiefen verraten.  Ich bin gespannt, als Zuhörer lauschend, nehme es und ihre Geschichten dankbar in mir auf. Wenn sie dann ankommen am genannten Ziel und ihre Tür sich auf nimmer Wiedersehen öffnet, lade ich sie manchmal auf einen Kaffee mit Speckby zu uns ein. Immer dann, wenn ich glaube und zu wissend bald fühle, dass in ihnen noch mehr steckt, als diese kurze Fahrt bisher verriet.

Wenn ihr grad zweifelt, neue Impulse sucht, einen Anstoss braucht, steigt gern ein mit mir in Samis Taxi und begegnet den vielen wunderbaren Menschen dieser Welt …

… to be continued

Vom Schreiben schreiben – Part 2

„Wat machst´n du da?“                         –         „Schreiben.“
„An wen denn?“                                        –         „An Niemanden.“
Ein fragender Blick.                               –         „Ein Buch.“
„Mit de Hand?“                                         –         „Ja.“
„Warum nich am PC?“                          –         „Mache ich dann für die zweite Fassung.“
„Tippste dann allet nochmal?“         –        „Ich muss doch sowieso nach  dem                      ersten Erguss das ein oder andere noch schieben.“

„Aha.“                                                                            – „Mist, jetzt ist sie alle!“
„Wer denn?“                                                             – „Die Patrone!“
„Vom Drucka?“                                                        – „Nein, vom Füller?“
„Du schreibst noch mit Fülla?“                      – „Ja.“
„Feder und Kiel war wohl grad aus, wa?“– Ein Seufzen.
Ein Lachen.                                                               – „Das tut an den Fingern nicht so weh, wie Kulli mit der Zeit, bei ein paar tausend Wörtern am Tag.“

„Tausend Wörta?!“                                                – Ein Nicken.
„So viel sprech ick manchmal am janzen Tach nich zusammen!“ – „Ich weiß, aber heute hast du deinen Unterhaltungstag, oder?“
„Wie viel Wörter brauchste denn so?“         – „ 80 bis 100…“
„Und dann schreibste 1000 am Tach? Wird dit ne serie?“– „80 bis 100 TAUSEND!“

Ein Gurgeln.                                                                       – Ein Schreiben.
„Ach herje, dit dauert“                                                 – „Ja.“
„Dafür brauch man wohl janz schön Jeduld?“– „Ja“
„Und Ruhe, wa?“                                                              – „Ja.“
„Und wo findest de die?“                                              – „Überall dort, wo du grad nicht bist und mich löcherst.“

Ein Lachen.                                                                                               – „Eigentlich hier.“
„Aber jetz grad nich, wa?“                                                                – „Nein.“
„Soll ick dir helfen? Ick hab och viel Phantasie!“                – „Klar, mach dir doch mal ein paar Gedanken und schreib sie auf.“
„Uffschreiben? Ne, dit is nich so meins. Ick erzähls dir!“ – Sein Seufzen. „Aber ich kann kein Steno!“

Ein Nachdenken.                                              – „Dann sprich es doch hier drauf!“
„Wat n dit?“                                                          – „Ein Diktiergerät!“
„Is da noch ne Kasette drin?“                    – „Ja.“
„Cool!“                                                                    – „Aber nicht aufmachen. Die hängt ein bisschen, sonst gibt’s Bandsalat!“
„Ja, ja schon jut! Nur uff´ n roten Knopp und dann sprechen, wa?“                  – „Ja.“
„Okay! Mach ick“ . Ein Klicken.                         – „Nein, nicht hier! Es muss absolut ruhig sein. Die Uhr da hinten tickt  so laut. Das nervt nachher beim Abspielen!“

„So sensibel is dit?“                                                – „Jaaa!“
„Jut, dann nehm ick s mit ins Zimma!“        – „Super.“
„Wie viel Worte brauchst n noch?“              – „50 etwa?“
„Nur?“                                                                            – „50 – TAUSEND“

Ein Schweigen.                                                         –  Ein Schreiben.

„Okay, da brauch ick ´n bissel für!“                  – „Nimm dir ruhig Zeit!“

„Und nich stören!“                                                         – „Mach ich, versprochen!“
„Also ick komm dann wieda, wenn ick sie zusammen hab!“ – „Super! Und ach, vielen, vielen Dank für deine Hilfe!“