„Entschleunigen“

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„Entschleunigen“, ist die neue Art der Fortbewegung. Der Fortbewegung, die uns Menschen wieder zur Ruhe kommen lassen und uns auf das Wesentliches besinnen lassen soll. Einmal heraustreten aus den Mühlen des Alltags, einen Schritt neben das immer schneller drehende Hamsterrädchen, nur um zu sehen, wo wir stehen und wo wir eigentlich sein sollten oder vielmehr wollten.

Mein „Entschleunigungswochenende“ kinderlos, mit meinem Mann, hat an einem Freitagnachmittag mit dem zähfließenden Verkehr auf den Bundesautobahnen begonnen.
Mit einer geteilten Klimaanlage, die den Fahrer auf seiner Seite mit wohligen 24 Grad umarmt, während sie auf meiner Beifahrerseite die gewünschten idealen 21 Grad Celsius ausbläst. Zumindest so lange bis sein Blick Sekunden später auf die digitale Anzeige fällt. Rasch korrigiert er auf 22 Grad, ehe ich wortlos auf 20 Grad reduziere. Er mag keine ungeraden Zahlen. 😉

Nach der ersten unruhigen Nacht, in der mich „Granufink“-like die getrunkenen Kölsch halbstündlich in der Blase schaukelnd, weckten, sitze ich in den frühen Morgenstunden im Halbdunkeln des Hotelzimmers. Ich habe alle möglichen Lichtschalter ausprobiert, um die Lampe mit dem kleinsten Lichtkegel zu finden. Immerhin bin ich mir fast sicher, dass es mit seiner „Entschleunigung“ viel besser klappt, wenn er nicht wie ich um 5.03 Uhr aufwacht.

Und dann nach etwa 10 Minuten kommt ER, der Punkt, der mit „entschleunigen“ so gar nichts mehr zu tun hat: die Sehnsucht nach einer (oder zwei, besser drei) Tasse Kaffee. Der Albtraum, also zumindestens meiner schlechthin, in einem fremden Hotelzimmer ohne das wachmachende Getränk und vor allem die Aussicht, dass sich daran in den nächsten 3 bis 4 Stunden auch nichts ändern wird, ehe der Mann aufgewacht und frühstücksfertig ist …

So, da drohte die „Entschleunigung“ zu scheitern, ehe der Tag richtig begann, als der Herzschlag sprunghaft bei diesem Gedanken ansteigt und sich die Gedanken wahngleich im Kopf wiederholen…
Das Leben ist mein Zeuge,  dass ich mir selten darum Gedanken mache, was die Menschen bei meinem Anblick denken, doch heute Morgen bete ich tatsächlich,  dass mir in diesem 4,5 Sterne Resort niemand begegnet. Sollte doch jemand in meinen Fahrstuhl steigen, würde sein irritierter Blick von meinen nackten Zehen, über die Schlafanzughose, die Strickjacke bis hinauf zu dem zerknautschten Gesicht unter den ungekämmten Haaren wandern. Vielleicht würde er davon ausgehen, noch zu träumen, immerhin wäre bei meinem Anblick „Einer flog übers Kuckucksnest“ nicht weit…

Der übermüdete Kellner unten im Restaurant hat sicher auch nach dem ersten Schreck bei meinem Anblick mehr Mitleid als Service-Etikette im Kopf. Fast wortlos reicht er mir die glänzende Thermoskanne und beobachtet, wie ich die zwei Tassen in der Strickjackentasche verstaue, ehe ich mit nackten Zehen wieder den Rückweg auf dem abgetretenen Teppich antrete.

Die Kanne in der Hand beschleunigt meinen Schritt. Dankbar für den Aufzug ohne Spiegel und die wenigen Mitmenschen, die um 5.17h müde durch die Lobby streifen, entschleunige ich wenig später bei dem ersten Schluck Kaffee im Zimmer. Es gibt wohl keine Tasse Kaffee, die besser schmeckt, als diese erste nach dem Aufstehen.

Es ist der Inbegriff von „Entschleunigung“:
Der Blick aus  dem offenen Fenster auf das regnerische Köln mit den Lichtern all jener, die wie ich lange vor dem Sonnenaufgang wach sind, ein tiefer Schluck Kaffee, ein Zug der gesundheitsgefährdenden Zigarette gepaart mit dieser unnachahmlichen nassen Rheinluft.
Ich nehme noch einen tiefen Atemzug, ehe das Kreativzentrum im Kopf seine Arbeit aufnimmt.
„Sommer und mehr“ – und ich noch kein Stückchen weiter.
„Entschleunigt“ beschleunigen sich meine Gedanken. Fragmente, unzusammenhängend und wenig brauchbar…handeln sie doch alle bei diesen nassen 7 Grad weniger vom „Sommer“ und dafür viel mehr vom „mehr“ ….

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Ich wünsche euch einen gelungenen Start in diese Woche, Eure Nadin

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Die Schneeflocke

Eine Schneeflocke, Rein, Weiß, Unberührt. Sinkt zu Boden, Schwebt, Tanzt, Zu ihrer eigenen Melodie. Mal will sie Nach rechts, Mal nach links, Dann doch wieder höher. Beobachten Wir ihren Flug, Diesen Tanz Der Freiheit. Einzigartig In Form, Farbe Und Gestalt. Scheint sie sich Auf dem Boden Ununterscheidbar Zu vereinen. Wenn sie Als wärmende Decke Geborgenheit […]

Juni im Juli … oder der gerippte Brachkäfer

2015-07-08 19.12.50Es sind diese milden, warmen Sommerabende auf die wir seit Monaten, eigentlich seit  dem Frühlingsbeginn, sehnsüchtig warten. Nach der Hitze des Tages fiebern wir nun dem Untergang der immer noch gnadenlos brennenden Sonne entgegen.

Wir haben die Augen zusammengenkiffen, wohlwissend, dass wir damit unsere wachsenden Augenfältchen unnachgiebig nähren und beneiden die Freunde um ihren entspannten Gesichtsausdruck hinter den dunklen Sonnenbrillengläsern, in denen wir uns bei jedem Wort selbst spiegeln.  Wir blinzeln unter dem, wie immer dem falschen Platz Schatten spendenden Sonnenschirm hindurch und wägen zaghaft ab, wie viele Minuten der Blindheit es noch sind, ehe die Abendsonne hinter den letzten Häusern versinkt.

Die Eiswürfel tanzen in dem handgeschliffenen kristallenen Weißweinschorleglas, und die beiden weißen Schmetterlinge tun es ihnen, in der Luft umeinander werbend, gleich. Zwei mutige, unermüdliche Spatzen freuen sich über das am Terrassenboden reichhaltig gedeckte Buffet aus Kekskrümeln, Grillresten und sonstigen Leckereien. Sie atmen mit vollem Bauch nach einer Erfrischung in dem mit frischem Wasser gefüllten Hundenapf beseelt auf.

Wir sitzen entspannt, die leicht gebräunten Arme und Beine weit von uns gestreckt und schauen uns in der kleinen Runde und dem wilden Garten um. Das blaue Planschbecken steht verwaist, vor Erschöpfung japsend, nach der Invasion der freudig quietschenden Kinder auf dem von der Sonne angesenkten Rasen. Die danebenstehende Hortensie hält die schweren lilablühenden Köpfe, leicht wippend vom letzten heruntertropfenden Planschwasser, mühsam aber erfolgreich und stolz in die Höhe gereckt.

Dann ein wiziges kleines, dennoch kühlendes und belebendes Lüftchen. Ein Aufatmen -Luft- das grüne hohe Schilfgras stimmt entspannt mit einem beruhigenden Rascheln ein.

Fast hätten wir es verpasst, doch bei einem Aufschauen sehen wir die Sonne hinter dem letzten roten Giebeldach versinken. Die zusammengekniffenen müden Augen können sich entspannen, als die der Helligkeit geschuldeten Tränen endlich aus ihnen weichen.

Ein Farbenspiel am Himmel aus blau, weiß mit rot und gelb. Wir tauchen hinab oder fliegen hinauf. Lassen uns mitnehmen auf diese einmalige Reise. Zu den unendlichen Formen dort oben am Rande des Abendhimmels. Aufgetürmt zu Bergen, andere wiederum klein und zaghaft fließend, ziehen die Wolken vor uns und am dunkler werdenden Horizont vorbei.

Ein Blick in die Runde, ein Prosit, ein Lächeln. Ein wunderbarer Tag neigt sich dem entspannenden Ende.

Der Abend schreitet weiter voran, der Tag wird unaufhaltsam zum „Gestern“, während wir uns zurücklehnen und die Unzulänglichkeiten des vergangenen Tages verbannen.  „Das hat nicht geklappt – … das war die Mühe nicht wert – … das dauert zu lange- … der Aufwand ist dieses Ergebnis nicht wert- …“   Wer kennt sie nicht, diese quälenden Gedanken danach, wenn es uns schwerfällt, manchmal in allem etwas Positives zu sehen. Dann wenn wir so sitzen und den Tag, die Gedanken gemeinsam mit den vorbeiziehenden Wolken am Himmel Revue passieren lassen.

Wir schmieden neue, ambitionierte, uns auf Morgen freuende Pläne.  Einmal im Gespräch verstummt spüren wir sie. Die Dunkelheit mit all unseren SInnen. Die eben noch regen, zwitschernden Vögel waren uns schon lange voraus, sie schweigen in der meterhohen grünen Hecke. Im Garten herrscht jetzt mit Einbruch der Dunkelheit tierische Stille.

Dann kommen sie. Erst einer, dann zwei und bald immer mehr. Ein unzähliges Brummen, Summen und Flattern erfüllt voranschreitende Dämmerung. Wir hören sie noch ehe wir sie am dunkler werdenden Abendhimmel sehen. Diese, unsere abendlichen Besucher, die uns vom endlich gekommenen Sommer künden: die zahlreichen Junikäfer, heute Abend im Juli.

Wir beobachten sie, ihren kleinen hektischen Flügelschlag. Wie sie fliegen, mancheiner scheinbar orientierungslos, wirken sie bald ziellos wenn sie sich uns viel zu schnell und beinahe furchtlos nähern.

Ein Aufschrei der Frauen, eines der aufgeregt brummenden Tierchen hängt erbarmungslos verheddert im offenen blonden Haar. Sein Freund fliegt ungebremst und fast kamikazegleich immer wieder an die gleiche Stelle der Hauswand, wenige Meter über der Brünetten. Wir beobachten sie, versuchen sie alle mit unseren, zugegeben wachsamen und aufsprungbereiten Augen zu erfassen, während sie diesen Flug genießen, nach diesem Tag im verborgenen Dunkeln. Sie summen, sie tanzen, sie schwirren aus. Auf der Suche nach dem Leben, erlöst von ihrer bald unendlichen Zeit des Wachsens. Zwei lange Jahre lagen die Eier untdeckt im Boden vergraben, erst im dritten Jahr verpuppten sie sich.

Wir neigen den müden, mittlerweile schweren Kopf und beobachten diesen lebensbejahenden Flug, auf den die brummenden Bräunlinge vier endlose Jahre gewartet haben. Sie schwirren wohlwissend, dass sie nur diese ein oder zwei Monate haben, ehe sie ihrerseits die Eier ablegen und damit der Kreislauf des Junikäferlebens von Neuem beginnt.

Spätestens jetzt sollten wir nicht länger über Vergangenes hadern, über „hätte- wäre- wenn- und – kann“, und darüber, wie lange etwas dauert oder eben auch nicht.

Ein Prosit auf das Leben, ein Lächeln im Brummen und Summen, mit Freunden im sanften Kerzenlicht. Prosten wir uns zu auf das Leben. Auf das „Gestern“ , das vorhin noch „heute“ war und auf das „Morgen“, das in ein paar Stunden schon „Heute“ ist, versprechend und wohlgemut, jeden einzelnen Augenblick davon zu genießen.

Die Schafskälte oder diese metereologische Singularität

Es regnet. Seit  drei Tagen von Sommer keine Spur. Eine handfeste Herbstdepression mitten im Sommer vermeidend, google ich an diesem Morgen des Wetterphänomen der letzten Tage.

Die Tage, in denen die graue dicke Strickjacke zum liebgewonnen Dauerbegleiter wird, die halbhohen Sneakers die neu erworbenen Flipflops verdrängen und die kurzen Hosen ganz nach hinten in den Schrank wandern. Die Kinder morgens mit großen Augen fragend schauen, wenn ich sie, zwei Tage nach dem letzten Freibadbesuch, mahnend an ihre Jacke erinnere.

„Es ist doch Sommer!“ – „Nein, es ist die Schafskälte!“

„Was is´n das?“ – „Das Wetter da draußen!“

„Und wann hört das auf ?“ – „Wenn die metereologische Singularität überstanden ist!“

Noch größere Augen und in mir die Hoffnung, dass damit ein weiteres Nachfragen ausbleibt. Irrtum. Ein weiteres „Was is´n das?!“. Ich friere, mehr von innen  nach außen.

Laut Wikipedia ist sie ein Wetterphänomen das zwischen dem 4. und 20. Juni oft in Mitteleuropa für einen Kälteeinbruch sorgt. Durch kühle, feuchte Luft aus Nordwest kommend, die Temperatur um 5 bis 10 Grad Celcius sinkt. Der bezeichnende Name kommt nicht von der dicken Strickjacke, die ich nun weiter frierend, enger um den Körper ziehe. Die meisten Schafe sind zu diesem Zeitpunkt schon geschoren und dieser Kälteeinbruch kann damit wahrlich bedrohlich für sie werden. Daher werden Lämmer und Mutterschafte meist erst nach Mitte Juni geschoren. Nur die alten Böcke müssen in diesen Tagen erbarmungslos frieren.

Genau wie ich, als ich nun barfuß, das Kind verabschiedend, in einer kleinen Lache Regenwasser der Nacht vor der Tür stehe.

„Und das heißt wie?“ – „Schafskälte.“

„Nein, das andere Wort: metereologisches Subjekt?!“ – „Singularität!“

Ich schaue den 12 Jährigen, gefasst auf weitere Nachfragen an.

„Und was ist das?!“ – „Dein Bus kommt, ich erklär´s dir später!“ Ein Kuß, ein liebevolles Lächeln. Ungeachtet der noch verbleibenden Minuten schiebe ich den müden, frierenden Jungen Zeit schindend Richtung Gartentor. In Gedanken schon den Ausdruck googelnd.

Gesagt, getan. Zugegeben, erst nach einem hoffnungsvollen Klick auf die Wetterapp. Nun hoffnungsvoller: ab Mittwoch sollen die Temperaturen wieder steigen.

Ich ziehe unter dem Terrassendach die Wollsocken ein bißchen höher. Mein dem „europäischen Sommermonsum“ angepasster müder Blick fällt auf das verwaiste Planschbecken im Garten. Die Vögel fliegen aufgeregt um das bunte Vogelhaus daneben. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, ihnen ein paar Körner hineinzulegen. Schüttele dann aber selbst den Kopf. Es ist nicht Winter, auch wenn es sich so anfühlt, nur die Schafskälte, diese metereologische Singularität.

Dass es etwas „Besonderes“ sein muß, habe ich mit den beschränkten Mitteln der Namensableitung auf den Wortursprung schon geahnt. Da das Nachschlagen heute online so viel einfacher ist, als das Wühlen in den schweren, mit Goldschnitt verzierten Brockhausbänden und den ellenlosen Querverweisen, wird dem 21. Jahrhundert entsprechend angemessen gegoogelt.

„singularis“ aus dem lateinischen: „einzigartig“.

Mit dem Blick in den grauen Himmel knüpfen sich in meinem Kopf neue Synapsen. Bisher hatte ich „einzigartig“ mit etwas „beeindruckendem“, „positiven“ in Verbindung gebracht. Diese neue Erkenntnis bezogen auf den grauen, tristen fast melancholisch machenden Himmel Mitte Juni belehrt mich nun eines Besseren. Wieder was gelernt heute Morgen. 😉

Metereologisch gesehen, bezeichnet „Singularität“ eigenartige Witterungsregelfälle (das bezeichnet es beim Bemerken meiner fast eingefrorenen Finger an der Tastatur treffender) die zu bestimmten Zeitabschnitten im Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit auftreten. So wie auch z.B. die Eisheiligen, die Hundstage, der Altweibersommer oder der Martini-Sommer.

Letzterer spricht mich, frierend, nach einem Tuch für den kalten Hals suchend, spontan an.  Das Bild aus den alten Kinowerbungen kommt mir in den Sinn. Halbnackte, braungebrannte und schöne Menschen, gutgelaunt und entspannt am Strand einer einsamen Insel. Die Sonne scheint, unbedeckt am wolkenlosen, blauen Himmel und spiegelt sich in den vielen Blautönen des Meeres. Die Männer und Frauen vergnügen sich lachend am Strand und in den, zur Entspannung aufgehängten, weißenHängematten. Sorglos, ein Eis in der Hand, den Strohhut tief im Gesicht, die scheinbar stillstehende Zeit an diesem Strand in diesem Sommer genießend.

„What a feeling….summer dreaming….when you´re with me…“ Die eingängige Melodie spielt endlos in meinem Ohr. Das Lied summt noch in meinem Kopf bevor sich das Ende des Kurzfilms vor meinem geistigen Auge in dem alten Bacardi-Werbespot findet.

Ich will heute keine Erbsenzählerin sein und lasse gern den Bacardi-Martini-Sommer eins sein. Vermittet es mir doch hier in diesem Grau die Aussicht auf Sommer. Vorfreude auf die wiederkommenden Tage im Garten, am See. Die Leichtigkeit des Sommers genießend, mit Freunden entspannt in der Sonne, eine kühlende Erfrischung in der Hand…

Ein ernüchternder Blick in die Wikipedia-Annalen: Der Martini-Sommer, diese metereologische Singularität, kommt in der Regel gegen Ende der ersten November-Dekade!