Offener Brief…

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Offener Brief zur Lesung vom 9.10.2015 in der Realschule Waibstadt
Nicoleta Craita Ten´o
„Man bezahlte den Kuckuckseiern den Rückflug“

Ein Buch zu lesen ist das Eine, es zu hören etwas Anderes.
Eine Lesung hingegen wie ein Flug auf den Schwingen des Autors selbst.
Beeindruckt von der Kraft der Wörter, den gewaltigen Sätzen verbinden wir mit dem persönlichen Eindruck vom Schreiber noch so viel mehr, als wir je zwischen den Zeilen lesen  könnten.

Gestern Abend habe ich eine Lesung besucht, die sich von bereits so vielen gehörten auf ganz einzigartige Weise unterschied.
Nicoleta Craita Teno´o:  mit ihrem preisgekrönten Buch „Man bezahlte den Kuckuckseiern den Rückflug“ war zu Gast in der Realschule in Waibstadt.

Die eventuell bei dem einen oder anderen auftretende Beklommenheit bei dem ersten Blick auf die stumme 32-jährige Autorin weicht bei den ersten Worten aus ihrem Buch. Kraftvoll, gefühlvoll vorgetragen von ihrem Verleger Alfred Büngen.

Eine Sprache, Wörter und Sätze so gewaltig, dass sie uns den Atem nehmen und als Zuhörer in ihren Bann ziehen, ebenso wie die Geschichte an sich selbst.
Die junge Autorin, die ausgelöst durch ein Traumata seit fast 20 Jahren nicht mehr spricht und tagsüber in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitet, lässt uns mit ihren mutigen Worten und ihrer bildhaften Sprache erschreckend und gebannt zugleich, an dem Leben der Protagonisten Magdalena teilhaben.
„Harter Tobak!“, mag der Eine salopp den Inhalt bezeichnen.
Mutig, ehrlich und aufrüttelnd sind die Worte des Anderen.

Wir lassen uns tragen durch die Stationen und Erfahrungen des von Rumänien nach Hamburg umsiedelnden Romamädchens, mit Sätzen der deutschen Sprache, wie wir sie schon lange von keinem deutschen Autor mehr gelesen haben.

Sie zeigt uns, was Worte bewirken können, wenn wir beim Zuhören ihre diagnostizierte Schizophrenie und den Autismus vergessen. Bei den brillanten Sätzen, den Formulierungen, die ihresgleichen suchen, sehen wir, dass es den Zuhörern um uns herum ähnlich geht.
Sie lassen sich ein, völlig vorbehaltlos auf diese steinige Reise des jungen Mädchens Magdalena.
Sie wandern mit ihr durch die tiefen Täler, teilen die grausamen Erfahrungen und fragen sich, wie viel Leid kann ein Mensch denn ertragen?
Sie sprechen ihr Mut zu, als sie die Kraft in sich selbst sucht und schließlich einen Weg findet, über sich selbst hinaus zu wachsen.
Die Geschichte, die Worte zeigen einen steinigen, mutigen Weg, der selbst bei all den Widrigkeiten am Ende Hoffnung und Zuversicht aufblitzen lässt.

Die junge Frau, die Protagonistin wie auch die Autorin selbst, sind in und mit diesem beeindruckenden Werk über sich hinausgewachsen.
Entwickeln eine Kraft mit dieser Sehnsucht nach Leben, die uns als Zuhörer gefangen nimmt und wir zollen beiden Frauen unseren höchsten Respekt.

Eine einzigartige Lesung, mit einem ganz einmaligen Buch, die im Rahmen eines Kulturprojektes an der Realschule Waibstadt gestern Abend von der Klasse 10c auf die Beine gestellt wurde.
Von Infotafeln über die Geschichte, die Lebensumstände der Sinti und Roma bis hin zum Balkanbuffet mit landestypischen Speisen, mit passender Musik untermalt von der Weltmusikgruppe „arkestra convolt“ bleibt dieser ganz wunderbare und gelungene Abend lange in Erinnerung.

Herrn Alfred Büngen herzlichen Dank für Ihr Engagement mit den Schülern, ihr Anliegen, dass auch in der Literaturbranche seines Gleichen sucht: Das Wunder der Literatur für Jugendliche wieder greif- und erlebbar zu machen.
Die Worte und die Geschichten zu spüren, zu fühlen und damit leben zu lassen.

Ungefragt auch im Namen der anderen gebannt lauschenden Zuhörer sage ich noch einmal DANKESCHÖN.
An Nicoleta Craita Ten´o, Alfred Büngen, den Schülern, der Schule und allen so engagiert Mitwirkenden, für diesen wundervollen Abend, der uns lange im Gedächtnis bleibt. 

Herzliche Grüße
Nadin Durcak   

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Coming-out und Coming-in… oder der Regenbogen des Lebens

Coming out – Coming in … oder der Regenbogen des Lebens

Ein Regenbogen leuchtet um die Welt.

Nach dem weißen Haus erstrahlen Facebook-Profile und Twitter-Accounts lebens- und liebesbejahend in den bunten Farben des Regenbogens.               Flagge zeigen, Solidarität bekennen, Freude ausdrücken … darüber, dass die USA nachgezogen haben und die „Homo-Ehe“ nun im ganzen Land gefeiert werden darf.

Selbst im erzkonservativen und prüden Texas dürfen die Nachkommen der Cartwrights und Daltons nun ganz offiziell gemeinsam die Viehherden hüten, ohne sich unter ihren Cowboyhüten und der stählernen, „echten“ Männerfassade zu verstecken, wenn sie sich am Lagerfeuer zur Präriemusik eine Zigarette der roten Marke anstecken.

CONGRATULATION !!!

Sind wir damit aber tatsächlich einen Schritt weitergekommen bei der Frage nach der Akzeptanz und Toleranz der Homosexualität in nicht nur unserem Land?

Wie oft kommt es nach dem jahrelangen, die Menschen prägenden und beängstigenden Kampf bis zum Coming out, tatsächlich erst einmal zu dem nicht minder erschreckenden Coming-In?!

Dem Coming-In in eine Gesellschaft, die mit diesen rechtlichen Regelungen vorgibt tolerant und im 21. Jahrhundert angekommen zu sein?

Das Coming-In in Konfrontationen, Ablehnung bis hin zur Diskriminierung nach dem Coming-out?  Angefangen im Mikrokosmos der Familie und Freunde, im Berufsleben und letztendlich in der namenlosen Masse der Gesellschaft.

Wie schwer haben es doch zum Teil die sich outenden Menschen jedweden Alters, die auf eben diese Toleranz und ein freies Leben, nach dem schon Jahre vorher an und in ihnen zehrenden Prozess, hoffen?

Wenn plötzlich aus den Vermutungen, den Annahmen und dem blöden Geschwätz endlich „Wahrheit“ wird?!

Ich wünsche uns als Gesellschaft, im Mikrokosmos wie im großen Ganzen, zum Tag des Regenbogens, wahre Toleranz.

Toleranz, die dann beginnt, wenn wir uns nicht mehr komisch schauend nach einem gleichgeschlechtlichen händchenhaltenden Pärchen umdrehen.

Wenn die Schlagzeieln über einen sich outenden Fußballspieler nicht mehr tagelang das „andere“ Weltgeschehen auf die Seite zwei verdrängen oder die sexuellen Vorlieben eines Politikers zu seiner Vita gehören : „Das ist doch der Shwule, oder? – Welche Partei? –  Weiß ich nicht!“

Wenn wir im Zwischenmenschlichen, im Berufsleben und im Kennenlernen unvoreingenommen bleiben.

By the way: Bei den meisten (ausgenommen ein oder zwei attraktiver Mitmenschen vielleicht) meiner Freunde, Arbeitskollegen oder sonstiger Begegnungen habe ich mir noch nie die Frage gestellt, ob sie im Schlafzimmer das Licht ausmachen oder anlassen… und to be honest : „es is mir auch völlig wurscht!“

Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens!“   (Friedrich Nietzsche)

In diesem Sinne, viele Grüße und Good Luck !