„Eigener Kopf inklusive!“

image

Der neue Werbeslogan eines Autoherstellers  leuchtet mir an diesem regnerischen Oktobertag aus einem Hochglanzmagazin entgegen.
Tatsächlich ein Spruch, der so geistig umtriebige Menschen wie mich inspiriert, wenn auch zugegebenermaßen weniger zum Kauf des abgebildeten roten Vehikels.

Mag man sich doch dann die Frage stellen, wo bei diesem Gefährt der Kopf denn sitzt  und mehr noch: was in ihm denn gar so vor sich geht?
Auf der anderen Seite möchte ich lieber nicht daran denken, was wäre, wenn nun auch noch Fahrzeuge ihren eigenen Kopf besäßen. Die Zuverlässigkeit ohne Stimmungsschwankungen oder verhindernde,  ablenkende,  bohrende Fragen im Kopf, habe ich bei technischen Geräten bisher sehr geschätzt.

Wie nervenaufreibend, Kräfte zehrend so ein „eigener Kopf“ hin und wieder doch sein kann, spüren wir  im eigenen Leben nicht zu selten und manchmal öfter als uns lieb ist.
Wieviel leichter wäre die eine oder andere Situation, wenn wir uns umgangssprachlich ausgedrückt, nicht ständig  und stetig „so einen Kopf darum machen“ würden.
Wenn wir nicht tausendmal das hin und her, und für oder wider abwägen. Darüber grübeln, ob dieser oder jene Schritt der Richtige ist und nicht spüren würden, wie sich Ereignisse oder Schatten und Licht auf die Leistungsfähigkeit unseres Kopfes niederschlagen.

Was ist nun, wenn wir an einem tristen Novembertag den Motor starten, der schon lange vor unserem Einsteigen den Entschluss gefasst  hat, dass er heute eigentlich so gar nicht mag. Weil er noch mit seinem eigenen inneren Schweinehund kämpft oder einer Depression gleich, mutlos bereits  entschieden hat, heute antriebslos zu bleiben?
Sitzen wir dann frierend auf dem Sitz in dem nichtanspringenden Auto, dass uns in Gedanken versunken auch die Wärme für den Fahrzeuginnenraum verwehrt?
Und reden wir ihm dann gut zu, mit leiser Zunge oder laut anspornend, dass man manchmal bei Dingen, die man sowieso nicht ändern kann, den Kopf am besten einfach ausschaltet und die Dinge auf den Straßen des Lebens einfach einmal rollen lässt?

Ich vermag nicht zu sagen, wer an diesem grauen Morgen im fehlenden Sonnenlicht den Kampf gewinnt.
Wie wir aus eigener Erfahrung wissen, ist eine Aussage darüber,  an solchen Tagen reine Spekulation.

Zurück zu dem Ausgangswerbeslogan an sich: ich muss gestehen, er bleibt mir, wie man sieht, im Kopf.

Auch wenn ich persönlich,  ich spreche natürlich nur für mich, ein Auto bevorzuge, das mir selbstlos verspricht, mich an mein  ursprüngliches Ziel zu fahren , auch wenn mein Kopf mich während der Fahrt vielleicht  zwischendurch in Verwirrung über ein Für und Wider stürzt.

Mein Auto ist ein Mutmacher, ein Unterstützer an schwierigen Tagen, das mir zuverlässig verspricht, mich auch an den tristesten Tagen an einen Ort im Sonnenlicht zu fahren.

Advertisements

70 tausend…

image

„Wie meinst du‘ n dit?“
„Na was soll ich sagen?“
„Machste jetz weita oder nich?“
„Natürlich mache ich weiter, aber ich bin mir eben einfach noch nicht sicher.“
„Jetz haste wieviel schon jeschrieben?“
„Ungefähr 70tausend…“
„Buchstaben? “
„Wörter!“
„Dit  is der janze  Ordner da?!“
Ein Nicken.
„Andere kommen in 80 Tajen um die Welt und du weßt nach 70tausend Wörtan  nich wie s  bei deinen Alten  ausjehen soll?“
„Die mit der Welt, die hatten auch einen Plan bei ihrer Weltumkreisung.“
„Und den haste nich? Da jibts doch n Namen…Wie  heißt ’n dit: „pott“?
„PLOTT- doch,  ich habe einen kleinen…aber eben nur bis hier, bis kurz vor dem Ende. “
„Dann mach doch mehrere Enden….und lass denn abstümmen!“
Begeisterung trifft auf einen fragenden Blick.
„Na so wie : Tor eens…Tor zwe…oder drei?“
„Das geht doch bei einem Buch nicht!“
„Bei ner DVD tät dit jehen…kurz vor dem Ende… .“intaaktiv“ heißt dit glob ick….dit wär cool- mach doch’n Fülm!“
„Ich bin doch gar kein Drehbuchautor!“
„Ick wollt schon imma mal so ne Klappe halten! “
„Das geht nicht.“
„Dann hol ick jetz Streichhölza- dann musste eben ziehen.“
Ein Seufzen.
„Du musst doch jetz mal endlich zu potte kommen!“
„Ich weiß. “
„Haste Angst zu denen „tschüss“ zu sajen?“
„Vielleicht ein bisschen- unbewusst“
„Du hast die doch aba  immer noch Monate an de Backe…seh ick doch richtich bei all dem korrigieren wat du da treibst…?!“
„Ja, das stimmt“
„Na siehste…so schnell wirste och Alte nich los! “
Seufzen.
„Stürbt  jetzt eijentlich noch ener?“
„Das weiß ich noch nicht“
„So viele Wörta  und dit Wesentliche weest du noch nich?!“
„Es ist auf jeden Fall noch eine Option. Ich glaube hinter Tor zwei.“
„Wenn doch noch ener stürbt, kannste ja irjendwann nen zweitet über die Alten schreiben…immerhin musste dann noch uffklären….wer der Täter war…“
„Ja, daran habe ich auch schon gedacht.“
„Na also, dann haste doch deine Lösung schon. Kannste nochmal 70tausend Wörta mit denen verbringen…“
„Ich mache es fertig, wenn mein neuer Arbeitsplatz eingerichtet ist. Das alte Holz wird mir schon die richtige Inspiration geben.“
„Wo soll n der sein und haste den schon? “
„Nein“
„Wann holste  den?“
„Das weiß ich noch nicht. “
„Dit sind aba viele: „weiss ick nich“ – heute morjen für enen der ständich und immer zu wat zu schreiben hat!“
„Ich weiß “

In diesem Sinne fühlt euch gegrüßt und viel Erfolg bei all euren Projekten ☺!

Speckby, Sami oder eine Form von Schizophrenie – Part 1

Vielleicht hat jeder von uns Schreiberlingen so einen einmaligen Freund namens Sami. Für mich ist Sami mein unerlässlicher Retter in der Not.

Manchmal und das nicht zu selten, lache ich herzhaft, kopfschüttelnd über mich selbst. Vergleichbar mit dem 4-Jährigen, der morgens müde mit dem vernautschten Kuscheltier unter dem Arm den Frühstückstisch gemeinsam mit mir deckt, sind wir als Autoren ganz selten allein.

Der Kleine ist emsig bei der Sache : ein Teller für sich, einen für den Teddy, der auch ganz fürchterlich Hunger hat, und einen für Speckby, den imaginären Freund. Kritisch, bald ängstlich habe ich beim ersten Kind diesen Prozeß beobachtet. Heute bei Kind Nummer drei bin ich deutlich entspannter. Durch ihn angespornt stelle ich noch zwei, drei Teller für die Hauptakteure in meinem neuen Projekt auf dem Tisch dazu. Manchmal reicht der für 8 ausgelegte große Holztisch nicht und wir ziehen ihn kurzerhand gemeinsam für die noch fehlenden, gerade „im Bad zähneputzenden „Freunde““ aus.

Ein einmaliges Schauspiel am Morgen um acht, wenn der Pimpf und ich am vollgedeckten Tisch zu zweit frühstücken. „Was macht Speckby jetzt?“ – „Er trinkt Kakao. Oh, jetzt hat er ganz viel davon verkleckert!“ Der Kleine ist entsetzt. Ich springe auf, hole eilig ein Tuch, bevor das imaginäre Getränk bis auf den braunen Laminatboden tropft.

Speckby, der Freund des Vierjährigen ist in unserem Haus seit zwei Jahren bereits Dauergast. Meine Kaffeetrinker und eingeladenen Gäste wechseln hingegen häufiger. Je nach Projekt bleiben sie eine Weile zur unbezahlten Untermiete, oder stoppen am Abend nur rasch zu einer kurzfristigen Grilleinladung vorbei.

Die einen von uns mögen spätestens an diesem Punkt über Schizophrenie nachdenken, die anderen gratulieren sich zu diesem unerschöpflichen Pool in ihrer Phantasie.

Manchmal, wenn es mir schwerfällt, einen neuen Gast an unserer Tafel zu entdecken, begebe ich mich mit meinem Kumpel Sami auf die Suche nach ihm. Sami ist mein Speckby. Der Retter in der Not. Der Sorgenfresser, stets hilfsbereit und mit unerlässlicher Menschenkenntnis und einem wachsamen Auge gesegnet. Wenn ich die manchmal leeren Gänge meines Kopfes schon unzählige Male erfolglos hinauf und hinab gestiegen bin, steige ich gern ein in sein Taxi und begebe mich mit ihm auf die nächtliche beruhigende Fahrt. Dann steigen sie ein, die Jungen und Alten, die Männer und Frauen, die Kranken und Gesunden. Die Glücklichen, die Traurigen, die Verzweifelten und die Jubelnden.

Während ich schweigend auf dem Beifahrersitz sitze und gebannt zuhörend erfahre, was sie Sami über ihr Leben, ihre Geschichten und ihre Höhen und Tiefen verraten.  Ich bin gespannt, als Zuhörer lauschend, nehme es und ihre Geschichten dankbar in mir auf. Wenn sie dann ankommen am genannten Ziel und ihre Tür sich auf nimmer Wiedersehen öffnet, lade ich sie manchmal auf einen Kaffee mit Speckby zu uns ein. Immer dann, wenn ich glaube und zu wissend bald fühle, dass in ihnen noch mehr steckt, als diese kurze Fahrt bisher verriet.

Wenn ihr grad zweifelt, neue Impulse sucht, einen Anstoss braucht, steigt gern ein mit mir in Samis Taxi und begegnet den vielen wunderbaren Menschen dieser Welt …

… to be continued