Frühlingskinder

Frühlingskinder

Schon früh dachte ich, die Jahreszeit, in der jemand geboren wurde, sagt etwas über seinen Charakter aus, losgelöst von den Sternzeichen. Und dies hatte weniger mit seherischen Fähigkeiten zu tun, als mit den Erfahrungen, die mich prägten. So waren mir grundsätzlich quasi seit der Geburt „Winterkinder“ suspekt. Schienen sie doch allesamt mürrisch, düster, schwer und nicht selten mit einer gewissen Art von Melancholie belegt, die im Gegensatz zu der Lebensfreude der „Sommerkinder“ stand. Im Sommer Geborene hatten ein lichtes Gemüt. Häufig sah man sie lachen; sie nahmen bei den ersten Sonnenstrahlen Farbe an. Sie sprühten vor Elan und steckten nicht selten andere mit ihrer guten Laune an. Stets wirkten sie in meiner Erinnerung lebensfroher als die „Winterkinder“ und fieberten ihrem Geburtstag stets entgegen.

Die „Herbstkinder“ hatten für mich grundsätzlich alle das Sternzeichen der Waage. Sie wirkten ebenso ausgeglichen wie nicht aus der Ruhe oder Reihe zu bringen manchmal bis hin zu anteilnahmslos.

Selten überwog eine Seite der Waage, oder in ihnen, die gute oder die böse, die beherrschte oder die unüberlegte, die ängstliche oder waghalsige. Sie waren weder Fisch noch Fleisch, würde meine Großmutter sagen. Soweit würde ich nicht gehen, habe ich doch so viele Waagen in meiner Kindheit erlebt. Jungfrau, Waage, Skorpion – wie zum Ausgleich steht das Sternzeichen zwischen diesen beiden anderen, die unterschiedlicher vom Bild her nicht sein könnten. Und dann gab es SIE: Die „Frühlingskinder“. Wie oft habe ich mich dabei ertappt, darüber nachzudenken, ob meine Eltern vielleicht meinen Geburtstag einfach in den Sommer gelegt hatten, obwohl ich in Wirklichkeit ein „Frühlingskind“ war. Es gibt nichts Schöneres als den Beginn des Frühlings nach den kalten Monaten des Winters. Wenn er dir ersten grünen Gräser aus dem gefrorenen Boden triebt und das Leben in die Natur und die Menschen zurückkehrt.So waren auch die „Frühlingskinder“ meiner Kindheit: Ihnen wohnte ein ganz besonderer Zauber inne. Der Zauber des Neubeginns in den strahlenden Augen. In den Augen über den nicht selten geröteten Wangen und zwischen den ständig etwas Neues erschaffenden Händen.Sie lebten regelrecht mit der Natur auf und zwitscherten eifrig ihrer Lieder. Selten stand ihr Mund still, hatten sie doch ständig etwas Neues zu berichten. Dabei waren sie keine Klatschbasen, nein, sie hatten einfach ihre Augen und Ohren überall. Wie ein Vogel aus der Luft schienen sie oft einen Überblick über das größere Ganze zu haben. Sie prahlten nicht damit, waren nicht angeberisch und doch las man es in ihrem Gesicht: Die Beobachtungen, Erfahrungen, die sie machten und für sich selbst bewerteten. Heute als Erwachsener sehe ich ein, dass ich es mir recht einfach gemacht habe. So schwarz und weiß wie die Welt meiner Kindheit war, ist es heute nicht. Und doch ertappe ich mich hin und wieder dabei, dass ich SIE treffe: Jene Sommer-, Winter-, Frühlings- oder Herbstkinder meiner Jugend. Manche Eigenheiten verstärken sich in zunehmendem Alter, während andere in den Hintergrund treten. Sie werden von dem gelebten Leben verdrängt und blitzen doch manchmal hervor.
So wie neulich, als ich als Pfleger eine 89-jährige Frau auf der Station aufgenommen habe:Plötzlich, fast wie aus dem Nichts, leuchteten ihre müden Augen auf. Ein Gedanke, den sie mir nicht verriet, brachte in ihr mit der Erinnerung auch das Gefühl zurück.

„Sie sind ein Frühlingskind, nicht wahr?“

Lächelnd hatte ich sie gefragt. Der Glanz in ihren Augen verschwand, als sie mich anschließend traurig ansah.„Ach, junger Mann, ich bin im Herbst meines Lebens, wenn nicht gar schon im Winter.“

Ich half ihr aus dem Rollstuhl hinauf auf das Bett als plötzlich der Glanz in ihre Augen zurückkehrte.

„Früher, ja früher, war ich es vielleicht einmal.“

Ich ging vor ihr in die Knie und sah, wie sich ihre blassen Wangen leicht röteten und sie ein Fingerspiel mit den Händen begann.Ich half ihr, sich zurückzulegen und unter die Decke.

„Nein, das sind sie auch heute noch.“Ihre Augen konnten ihr Innerstes nicht verbergen.

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