Je ne parle pas francais

Geschichte des Tages
Nadin Brunkau
inspiriert vom gleichnamigen Son von Namika

Je ne parle pas francais

Ganz offensichtlich war er ein Tourist.
Ein Fremder in der Stadt, der seine Gruppe und damit neben der Orientierung auch jedes Taktgefühl verloren hatte. Oder war es der Alkohol, der ihn jede Tugend vergessen ließ? Wahrscheinlich handelte es sich um eine fatale Mischung aus Beidem.

Ella wusste es nicht, doch seine Übermütigkeit imponierte ihr. Sie verlieh ihm eine Jugendlichkeit, die er jahresmäßig längst hinter sich gelassen hatte, und die jetzt schelmisch aus seinen Augen blitzte.
Während er unablässig sprach, lachte Ella laut auf.
Sie verstand kein einziges Wort. Sie konnte noch nicht einmal sagen, ob er stammelte, fließend sprach oder die Tonlage zu seiner Sprache und dem Dialekt gehörten.

Bruchteile seiner Sätze ließen Ella darauf schließen, dass er nach seinem Hotel sucht, während er sich nicht sehr emsig bemüht, gleich aufzubrechen, neben ihr ein Bier bestellt. Müde schien er jedenfalls nicht zu sein.

Ella mochte den Klang seiner Stimme. Sie war tief, und es hatte etwas von Urlaub, ohne dass sie den stundenlangen Flug überstehen und tropische Temperaturen aushalten musste, und sie gestand sich ein, dass dieser Kurztrip verlockend war.

Vielleicht interessierte es ihn auch gar nicht, ob sie ihn verstand. Vielleicht war er sich seiner Unwiderstehlichkeit in diesem Augenblick einfach bewusst, wenn er seine Landessprache benutzte. Es war in dem Moment auch völlig egal.

Selbst in der geschlossenen Bar umfing sie der warme Sommerwind und mit den geschlossenen Augen glaubte Ella, den salzigen Geschmack des Meeres auf ihren Lippen zu schmecken. Wie lächerlich erschien doch diese Vorstellung, als sie anschließend auf die umsitzenden Cafebesucher sah.

Sie war keinen Meter weiter gekommen, auch wenn er es ihr suggerierte und ihren Fischmund gekonnt ignorierte, während sie die salzigen Lippen benäßte.
Heute Abend war sie hierhergekommen, um den Alltag hinter sich zu lassen, ohne zu ahnen, wie weit sie tatsächlich reisen würde:
Hinaus in die Welt, über Meere und Grenzen, gemeinsam mit ihm.

Später würde sie ihm dafür danken, dass er die Suche nach seinem Hotel aufgegeben hatte, auch wenn sie kein einziges Wort von ihm verstand.

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