Anna

Geschichte des Tages

Nadin Brunkau
Anna

Sie sah in den Nachthimmel hinauf. Konnte es tatsächlich sein, dass er zu einem jener Sterne dort oben geworden war?
Wie oft hatten sie im letzten Sommer gemeinsam unter dem Himmelszelt gesessen, und er erzählte von seiner, dieser Phantasie.
Es war seine Vorstellung von der Reise, die er bereits Monate zuvor antrat.
Er glaubte fest daran, ein Stern am Himmel zu werden.
„Ich werde es vermissen, das Leben, das schläft, während ich nachts dort oben Wache halte und den Schaflosen leuchte.“
Anna hatte geweint.
Sie weinte vor Schmerz, vor Wehmut und dem kommenden Abschied, den sie seit Wochen lebten.

Nun stand sie auf der dunklen Terrasse, bewusst hatte sie kein Licht angemacht. Das Glas Weißwein hielt sie wie den heiligen Gral zwischen beiden Händen geborgen, während sie sich an die kalte Hauswand lehnte.
„Er muss richtig kalt sein!“, pflegte er stets zu sagen, wenn sie abends die Flasche aus dem Kühlschrank holte, und ja, das war er heute Abend.
Fast war er zu kalt, und Anna zog die Strickjacke enger um die Schultern. Unablässig suchten ihre Augen den Himmel ab.
Wo war er?
Welcher Stern war neu geboren, um sie hier unten auf der Erde nicht allein zu lassen?

Sie dachte an ihn. An seine Kraft, die seinen Körper bald Tag um Tag verließ, und doch nur seine Seele nicht zu erfassen schien. Wie oft tröstete er sie, nahm sie in den Arm, in den Momenten, in denen sie ihn hätte halten sollen.
Woher hatte er all die Kraft genommen?

Anna wusste es nicht, während der Weißwein ihre Kehle herunterlief.
Süß schmeckte er bei all der Säure, die er doch enthielt.
Kalt war er, während er doch ihr Herz mit den Erinnerungen an ihn erwärmte.
Glatt war die Oberfläche des Glases, während ihr Leben in Scherben lag.

„Sieh nicht nur das Negative!“
Plötzlich drang seine Stimme zu ihr. So real, dass sie sich zu dem Stuhl umdrehte, den er nie wieder besetzen würde.„Genieße den  Augenblick!“

Die Tränen in Annas Augen ließen den Sternenhimmel verschwimmen, ehe ihr auf einmal ein kleiner Stern auffiel. Er leuchtete neben all den anderen auf, so dass er selbst durch ihre getrübte Sicht drang.
Plötzlich zweifelte Anna nicht mehr:Er hatte sein Versprechen gehalten.

Dort oben stand er am Firmament und streichelte sie in dem Moment mit seinem Licht. Es gab ihr Wärme, einen Punkt an dem sie sich festhalten konnte, genauso, wie er es zu Lebzeiten getan hatte.

Anna blinzelte, ehe sie ihr Glas zu einem Trost erhob.

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