Dienstag, 3.Oktober

Im Rückblick werden wir schon das ein oder andere Mal gedacht haben: Hätte es diesen oder jenen Moment nicht gegeben, wäre heute einiges anders.

Ohne Umschweife, ohne Wenn und Aber, vermag ich am heutigen Tag zu sagen:

Ohne die Deutsche Einheit 1989/ 1990 wäre für mich definitiv heute ALLES anders.

 Bei allen Diskussionen um das Zusammenwachsen, den Soli, blühende Landschaften, Dunkeldeutschland oder das Ost-West-Gefälle, lasst mich sagen: Ich bin unendlich dankbar.

Dankbar für meine Familie und die Chancen, die ich ergreifen kann oder auch nicht. Eben einfach für die Wahlfreiheit in diesem Deutschland, das einmal Europa sein wird.

 Der 3.Oktober könnte mein Valentinstag sein, mein Hochzeitstag, mein Namenstag ebenso wie mein zweiter Geburtstag oder der Ostersonntag, dem Tag der Auferstehung.

Es mag polemisch klingen, vielleicht übertrieben, doch all diesen Tagen ist gemeinsam, dass sie die Realität widerspiegeln.

Dabei bin ich bei all der Euphorie zu keinem Zeitpunkt weltfremd.

Das Buch „Zonenkinder“ von Tanja Henschel beschreibt meine Generation sehr gut. Geboren 1976 1976 in Sachsen-Anhalt / DDR brach 1989 nicht nur die Mauer, sondern eine ganze Gesellschaftsform mit ihrem Wertebild zusammen.

Nun lag es an uns, quasi Heimatlosen, uns in der neuen Staatsform eine neue Heimat aufzubauen, die fast alles Alte abschaffte. Wir lebten von heute auf morgen in einem Land, dass auch den Namen Deutschland trug, in dem die gleiche Sprache

gesprochen wurde – doch dies waren die einzigen Übereinstimmungen mit dem Land meiner Kindheit, in dem ich aufgewachsen war.

 „Wir sind vom Leben gezeichnet, in den buntesten Farben“

(SPD- Song:“So schön kaputt“)

 Wir waren Ausländer im eigenen Land; zu neudeutsch sogar : „Wirtschaftsflüchtlinge“, wenn wir in die ehemalige BRD umsiedelten.

Auf der Suche nach neuen Chancen zogen auch meine Eltern mit mir 1991 nach Baden-Württemberg. Ich besuchte die 9.Klasse im Gymnasium und traf dort meinen heutigen Mann, den Vater unserer drei Söhne.

Mit Verlaub – ich kann sagen: Mein Leben wäre allein aus dem Grund heute gaaanz anders, von der beruflichen Entwicklung einmal ganz abgesehen.

 Hätte es dieses Wendejahr nicht gegeben, würden wir heute aus der Enklave heraus das Konstrukt Europa beobachten, ohne ein Teil davon zu sein. Wir würden es womöglich argwöhnisch beobachten, vielleicht mit offenem Mund, wie das „Monster des Kapitalismus“ wuchs, und im Sozialkundeunterricht mit dem Lehrer und Lenin an der Wand wahrscheinlich sehr einseitig kritisch darüber diskutieren.

 Natürlich kenne ich auch die Stimmen al jener, die nie ankommen zu scheinen, und sich in eine Art Ostalgie retten, während sie sich die Vergangenheit zurückwünschen. Sie sind vom Leben Gezeichnete, und ich maße mir nicht an, über sie zu urteilen.

Ich spreche hier, heute an diesem Feiertag tatsächlich nur von mir und meinem eigenen Stolz:

Für mich ist es ein Feiertag!

Ich bin dankbar für die Mutigen aus den letzten Jahren der 1980er. Sie haben damals selbst in den dunklen Nächten mit ihren Kerzen gesehen, welche Chancen uns bald offenstehen könnten!

DANKE

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