Es riecht ….

„Es riecht nach Pilzen!“

Die Stimme meiner Mutter dringt ungesehen aus dem Dickicht zu mir. Verschwunden ist sie, hinter den eng gesetzten Bäumen, und ich kein Pfadfinder, um ihre Spuren auf dem moosigen Untergrund zu lesen.

Den Rücken meines Vaters sehe ich. Sollte ich es einmal nicht so sein, gellte sein Pfiff, unnachahmlich, durch die waldige Ruhe. Nicht nur Mama verlor gern die Orientierung zwischen all den Bäumen, auch ich bin damals erst 11 Jahre alt. Es mag ein Albtraum für ihn sein, seine beiden Frauen auf dieser Pilzsuche zu verlieren.

 „Es riecht nach Pilzen!“

Ich erinnere mich an ihren Ausruf, jedes Mal, wenn ich heute in den Wald gehe. Es ist dieser besondere Geruch: Feucht, moosig und holzig zugleich. Er zeugt von Vergänglichkeit, während morsches, totes Geäst unter den Schuhen bricht, ehe die am Boden liegenden Nadeln den nächsten Schritt abfedern.

Wie sehr suche ich ihn: Diesen Pilzgeruch meiner Kindheit. Manchmal, im Herbst, habe ich das Gefühl, ihn zu riechen, doch eine Kleinigkeit fehlt, um ihn zu perfektionieren – wahrscheinlich sind es die angrenzenden Schornsteine der Asbestfabrik in meinem Heimatwald.

 Als der Radiomoderator vor ein paar Tagen von einer reichhaltigen Pilzsaison sprach, war klar, dass wir an diesem Wochenende auf die Suche gehen würden.

Kinderlos, da diese von den Großeltern betreut sind, traten wir heute Vormittag, nur mit zwei Hunden und viel zu spät in den Wald ein. In den Zeiten meiner Kindheit erfolgte die Pilzsuche bereits kurz nach Sonnenaufgang: Es schien die einträglichste Zeit zu sein.

Mit den brillenlosen Augen schärfte ich heute halbblind die übrigen Sinne. Ich suchte nach eben jenem Geruch, der mich in meiner Kindheit sicher in ein Pilzfeld führte.

Doch ich fand ihn nicht.

An jeder Stelle, die auch nur annähernd das Aroma verströmte, kniff ich die Augen zusammen, als könnte ich damit irgendetwas in dem Mischmasch aus braun und grün erkennen.

Während jedes Blatt in meinen Augen einem Blatt glich, versprach jedes abgestorbene Holz einen Riesenfang.

Im blinden Augenwinkel nahm ich sogar eine Krause Glucke wahr. Während ich sie in Gedanken und bei dem leeren Magen bereits panierte, lief ich auf sie zu. Selbstverständlich, nicht ohne den Blick vom Waldboden zu heben, um nicht ausversehen eine gesuchte Marone zu zertreten.

Näher gekommen. musste ich mir eingestehen, dass das Abendessen wohl pilzlos ausfallen würde – meine Krause Glucke entpuppte sich als ein verrottendes Tempo, das eine eilig verrichtete Notdurft bedeckte. Wahrlich nichts, was ich panieren wollte, und auch der Geruch hatte nichts von dem Fund meiner Kindheit.

 Die klägliche Ausbeute an diesem Tag blieben die drei Steinpilze, die heute Abend den Gaumen einer fünfköpfigen Familie erfreuen, nachdem wir alle bitteren Gallenröhrlinge aussortiert haben.

 Wo sind sie, die Pilzstellen meiner Kindheit, in der die Aussage – „wo einer ist, da sind noch weitere“ – stimmt?

Ab 1987 sprießten sie förmlich aus dem Boden, ohne dass mir jemand verriet, warum.

Vielleicht hatte auch die radioaktive Wolke von Tschernobyl im Jahr 1986  ihren eigenen,unverkennbaren Geruch, den ich noch immer suche?

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