Ghostbusters

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Gestern ist es fast schon wieder passiert: ich habe beinahe einen von ihnen überfahren.

Einen von ihnen- damit meine ich einen von diesen Ghostbusters der Neuzeit. Auch wenn sie ohne die formschönen Overalls der 80er Jahre durch die Lande streifen und ihre Hauptwaffe, den Dematerialisierer, dessen Strahlen die Spukgestalten desintegrieren, nicht bei sich tragen, erkennt man sie doch auf den ersten Blick. Am auffälligsten sind der stets gesenkte Kopf und die starr auf das Handydisplay gerichteten Augen. Vergessen sind all die Vorsichtsmaßnahmen : kein Handy im Straßenverkehr – sie nehmen ohnehin nicht wirklich am daran teil. Wir anderen Verkehrsteilnehmer sind nur ein lästiges Hindernis auf ihrer Jagd, ein kleiner Widerstand hier in der Realität, während sie auf der virtuellen Pokemonjagd sind.

Jake Kong Jr. und sein Gefolge streifen durch die Straßenzüge jedes Ortes, abgetaucht in ihrer eigenen Welt und nicht selten alles andere um sich herum vergessend.
Dabei werden Straßenkreuzungen nur zu einem Knotenpunkt auf dem Display und alle anderen Verkehrsmittel großzügig ausgeblendet.
Sie sind irgendwie Teilnehmer in diesem Verkehr und irgendwie auch nicht. Sie bilden eine eigene Klasse für sich, die bald eine Rubrik in der Fahrschule ähnlich dem Gefahrguttransport erhält. Beinahe dreist und uneinsichtig, mit scheinbaren Sonderregeln wie Fahrradfahrer in der Einbahnstraße ausgestattet, nehmen sie als Einzelkämpfer oder zu Gruppen formiert selbstbewusst am Straßenverkehr teil.

Gestern waren also wieder so ein paar Nachfahren von Jake Kong Jr. und Eddie Spencer Jr. mit dem Ghost-Gummer unterwegs, als ich mit meinem Auto wohlgemerkt der 30er Geschwindigkeit auf der Hauptstraße folgte.
Lediglich ihr Aufschrei: „Da ist er!“ warnte mich rechtzeitig, bevor die zwei mit gesenkten Köpfen auf die Straße sprangen. Die weit aufgerissenen Augen der beiden knapp 14 Jährigen nach meiner Vollbremsung waren nur ein kurzes Intermezzo vor dem erneut prüfenden Blick auf ihr Handy.

„Jetzt hättest du ihn fast überfahren!“
Dieser Vorwurf dringt durch mein geöffnetes Fenster.
„Mensch- ihr müsst doch gucken bevor ihr auf die Straße rennt! Um ein Haar wäre es mit den Ferien aus bevor sie beginnen!“
Mein Herz rast und das schlechte Gewissen meldet sich, ehe ich bemerke, dass die ausgerufene Sorge gar nicht dem fast angefahrenen Freund sondern dem vor meinem Auto hockenden virtuellen Pokemon galt.

„Ich hab ihn!“
Der kommende Jubelschrei lässt den anderen herumfahren und die brenzlige Situation ist für die beiden ebenso vergessen wie der durch unser Zusammentreffen entstandene Stau auf der Dorfdurchgangsstraße.

Pokemon-go, diese neue virtuelle Welt in der unsrigen – bald werden die Navis in den Autos neben den Staus und Gefahrenmeldungen sowie den Symbolen für Tankstellen, Raststätten auch die Pukis, Bisamsams und die anderen Pokemon Freunde anzeigen.

Die lästigen Aufforderungen der Eltern : “ Geh doch mal wieder raus und spiel was draußen! “ wurden von den Entwicklern dieses Spiels erhört und treibt nun die Spieler wieder an die frische Luft.
Wenn sie dann voller Vorfreude das Haus verlassen sagen wir als Eltern zu den Pubertierenden wieder: “ Aber achte bitten auf die Straße, renn nicht einfach rüber – schau mal nach rechts und links …“ …. das folgende Nicken wirkt wenig überzeugend und die Kindergartenzeit nur einen Steinschlag entfernt. Bald werden die ersten Eltern erst wieder entspannt aufatmen, wenn die Schützlinge unbeschadet nach der Pokemon Jagd wieder das elterliche Haus betreten, ein Gefühl wie nach der ersten Ausfahrt allein mit dem Auto.

Gestern nahmen mein Ältester und sein Freund die Roller der Jüngeren mit auf die Suche „um schneller zu sein“ … ich bot den 13Jährigen das Auto an. Sie verdrehten die Augen, während ich noch etwas von Kamikaze murmelte und ich ignorierte ihre Bewunderung für einen Freund, der gestern freihändig Fahrrad fahrend einen von Pikachus Freunden gefangen hat.

Mögen all die Pokemon Jünger auf ihrer Jagd von einem Schutzpatron begleitet werden – ich wünsche euch allen eine schöne Ferien- und Urlaubszeit!

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2 Gedanken zu “Ghostbusters

  1. Oh ja, auch mir blickte schon durch die Frontscheibe so ein wirrtueller Jäger mit irritiertem Blick, wer ich denn sei.
    Ich wollte ihm zurufen:
    Einer aus Fleisch und Blut und mit einem fahrbahren, dir Gefahren bringenden Untersatz, doch da war er schon wieder abgetaucht in seine Welt!
    Also herrlich dein Beitrag und allzeit unfallfreies Durchkommen!

    Gefällt 1 Person

  2. Jupp, am Donnerstag habe ich einen Acht- oder Neunjährigen (mit gleich zwei iPhones bewaffnet, mit dem einen telfonierte er mit einem Freund, um den aktuellen Spielstand durchzugeben, mit dem anderen war er auf Jagd) gerade noch am Schlafittel zurückgezogen, bevor er unter dem SUV einer wildgewordenen Vorstadthausfrau landen konnte.
    „Heee!“, motzte er mich an. „Ich hätt es fast gehabt!“
    „Ja“, antwortete ich und zeigte auf das Auto. „Sie dich auf dem Kühler.“
    Immerhin, er ist doch eine Spur blasser geworden, als er eh war.
    Soviel dazu, das Bewegen an der frischen Luft hätte auch positive Seiten …
    Zum Glück haben meine armen benachteiligten Kinder keine internetfähigen Handys.

    Gefällt 1 Person

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