Das Kind braucht einen Namen

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Neun Monate haben wir Zeit uns einen Namen für den neuen kommende  Erdenbürger zu überlegen. Manch Unentschlossene unter uns sogar ein paar Tage länger.

Dann sind wir nicht nur schwanger gut sichtbar am Bauch, sondern gehen mindestens genauso lange schwanger mit der Frage, mit welchem Namen wir unserer Kind bald rufen wollen.

Viele Namen fallen unabhängig von der wohlklingenden Buchstabenkombination aus, weil wir sie automatisch und blitzschnell mit lebenden Personen assoziieren.
„Nein, die war hässlich,  ein anderer dumm, ein weiterer unberechenbar und ein vierter auf irgendeine andere Weise auffällig …“
Ein jeder von uns kennt sie, die Namen seiner Kindheit. Von den Gesichtern, die lange verdrängt, schließlich Jahre später zu einem unumstößlichen Ausschlusskriterium werden, wenn ihr Name plötzlich auf einer „engeren-Auswahl-„Liste auftaucht.

So prägen sie uns, die Elisabeths und Fritze dieser Welt, wenn wir spontan vehement unser Veto einlegen.

Nun verhält es sich beim Schreiben so, dass wir oft plötzlich bei einem aufflackernden Gedanken, einen Mann oder eine Frau beschreiben noch bevor wir  an DEN Punkt geraten, ihnen einen Namen zuschreiben zu müssen. Können wir doch nicht dauerhaft  von „er oder sie“ sprechen und alle anderen,  sie auszeichnenden Attribute haben wir auch genug erwähnt.

Das ist nicht selten der Punkt, an dem wir den bis dahin fließenden Schreibprozeß unterbrechen und ernsthaft beginnen nachzudenken, wohingegen alles andere bisher eher improvisierend aus unserer Feder lief.

Dann kommt er wieder einmal: der große Seufzer. Bei dem wir gleichzeitig versuchen, nicht den bis zum bersten gespannten roten Faden im Kopf zu verlieren.
Die ersten einfallenden Namen werden vertrieben: „Nein,  so heisst mein Nachbar, die Kollegin oder der Bäcker um die Ecke…“
Keiner von ihnen  möchte sicher an diesem Morgen der „Schlächter in der Kleinstadt oder ein beziehungsbedrohender Seitensprung“ sein.
Hin und wieder, und das nicht zu selten, muss ich das fulminante, sich ins Unermessliche steigernde, Grübeln beenden, weil es droht, die Geschichte im Kopf zu vegessen. Meine Figuren laufen dann als „XYZ“ oft begleitet von „ABC“ weiter durch die Geschichte.

Das geht noch ganz gut, wenn wir nur ein oder zwei Figuren haben. Bei Mehreren erschwert dieser Buchstabensalat  die Konzentration unnötig, ehe sie schließlich gänzlich schwindet.

Also steht die Entscheidung fest. Sie ist quasi gefallen und muss „nur noch“ umgesetzt werden: Sobald sich ein wenig schreibarme Luft im Raum befindet, muss ein „Namensbuch“ angelegt werden.
Idealerweise mit ausreichend männlichen und weiblichen Wahlmöglichkeiten gefüllt, belegt und verbundenen mit kennzeichnenden  Attributen, die mein Kopf ihnen automatisch und meist unumstößlich zuweist.
Ein kleines Nachschlagewerk,  das dann in solchen Situationen hilft, vergleichbar den Bestsellern über Kindernamen.

Eine Namensenzyklopädie, die einmal kurz geöffnet Hilfe verspricht.
Immer dann, wenn wir an einem dunklen Morgen grübeln, wer wohl wen im Wohnzimmer erschlagen  hat oder dort gerade sinnlich verführt.

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Ein Gedanke zu “Das Kind braucht einen Namen

  1. Ja, so ist es wohl auch für den Leser zu empfehlen! Wenn allzu viele handelnde Personen mir in einem Roman begegnen, fällt es mir doch mit steigenden Lebensjahren oft immer schwerer, den Durchblick zu behalten. Oft habe ich schon daran gedacht, mir einen Zettel mit Name und Merkmal aller Handelnden dazu anzulegen. Aber immer wieder hält mich der spannende Inhalt davon ab und somit rufe ich euch Schreiberlingen zu: Habt Erbarmen und rechnet nicht mit unserem uneingeschränkten Aufnahmevermögen beim Lesen!!

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