Vogelfrei

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„Bist du denn tatsächlich der „Herr“ über deinen Tag?“
Dieser Frage folgt ein skeptisch nachfragender Blick.
„Natürlich. Wenn nicht ich, wer sollte es denn sonst sein?“
Ein Kopfschütteln.
„Das glaube ich nicht. Auch du kannst doch nicht schalten und walten wie du willst! Wir sind doch alle gebunden an so viele äußere Umstände!“
„Und an was für Umstände denkst du dabei?“
„An Alles! Wir sind doch nicht vogelfrei! “
„Gut, ich sehe ein unser Körperbau ist ein wenig anders – aber ansonsten sehe ich nicht viel, das uns von einem Spatz oder dem Adler unterscheidet.“
„Jetzt hör aber auf. Wenn ein jeder machen würde, was er wollte und nicht was er wollte… und seine Wünsche auslebt, dann wäre Sodom und Gomorrha doch nicht mehr fern.“
„Oder der Garten Eden – nur so als Alternative…“
„Du spinnst doch…“
„Lieber ein Spinner, als so ein amputierter Vogel wie du!“
„Ich muss nunmal jeden Morgen zur Arbeit aufstehen und mich im Geschäft mit all dem Wahnsinn rumschlagen!“
„Das muss der Spatz auch, wenn er auf Futtersuche  ist. Oder meinst du, die Würmchen recken ihren Kopf und schreien: „hier nimm mich!“ ,  um bei diesem todbringenden Nahrungsflug unbedingt der Erste zu sein?“
„Und dann, wenn ich heimkomme wartet zuhause noch genügend Arbeit auf mich!“
„Die Nestpflege übernimmt er auch – doch auch das ist doch irgendwann geschafft!“
„Und dann…“
„Und dann und dann und dann… das was dich tatsächlich daran hindert, dich so frei wie ein Vogel zu fühlen , ist wahrscheinlich als einziges dein größeres Gehirn!“
Der fragende Blick wartet auf die Fortsetzung.
“ Du machst dir um alles und so vieles Gedanken, dass du die Momente des Fliegens einfach regelrecht verpasst!“

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Tageslichtdisplay, Winterfellwuchs oder der Herbst beginnt

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Es ist einer dieser Tage an denen das Wohnzimmer trotz der auf der Uhr empirisch bewiesenen Uhrzeit von 10.00 h im Dunkeln liegt. Die Stehlampen erhellen mit ihrem stimmungsvollen Licht den großen Raum mehr mit Stimmung denn wirklich mit Licht.
Unserem Körper wird zu dieser grauen Stunde vorgegaukelt, wir hätten uns grandios in der Uhrzeit vertan und es folgt prompt ein fast den Kiefer ausränkendes Gähnen.
Der Cursor auf dem Laptop blinkt erwartungsvoll auf die kommende Bewegung, während wir mit dem leeren Geist aus dem großen Fenster auf das einheitliche Grau draußen starren.
Wir, das bin ich und der alle Symptome eines Vitamin-D Mangels zeigende Körper an mir.
Noch eine Tasse Kaffee, als könnten wir das meteorologisch ausgelöste Tief damit wegtrinken.
Selbst der lange Spaziergang mit dem Hund heute Morgen hat nur kurzfristig die Lebensgeister angeschubst. Erschreckt stellen wir fest, dass sie sich schon wieder in die kuschelig  warme Ecke, gleich neben den brennenden Kamin zurückgezogen haben. In Decken eingekuschelt haben sie die Augen geschlossen und dösen schläfrig vor sich hin.
Ein Seufzen. Es hilft ja nichts dem vergangenen Sommer hinterherzujammern,  zumal die richtig dunklen Monate erst noch vor uns liegen.
Auch meine Gedanken schweifen ab von dem eintönigen Korrekturthema am neuen Manuskript, und ich wundere mich warum, bei all diesen klugen Köpfen in diesem Land , noch niemand erschwinglich käuflich ein Display mit Tageslicht-Therapie entwickelt hat.  Für all die vielen von uns, die Stunden am Tag oder bei Nacht immer müder werdend vor den erleuchteten Bildschirmen sitzen. Vielleicht gäbe es dann beim Erwerb eines Pc’s oder Laptops mit Tageslichtdisplay sogar einen Zuschuss der knausrigen Krankenkassen.  Immerhin würden teure  rezeptpflichtige  Stunden der Lichttherapie damit der Vergangenheit angehören.
Leider fehlt mir das nötige technische know how und ich dachte der Platz des Schreibtisches am Fenster könnte sie ersetzen…Doch außen grau, macht innen grau und selbst der Versuch der Einbildung, dass die Strahlung aus meinem Laptop belebend wirkt, wird mit einem weiteren Gähnen abgeschmettert.
Ein Griff an den zerzausten Kopf, als die Gedanken an den Siebenschläfer mich in die Realität zurückholen. Gestern im Radio haben sie gesagt, dass das gute Tier bis zu 11,4 Monate des Jahres verschläft!
Ich gähne erneut und beneide es in dem Moment, wohlwissend, dass mir nicht ein Bruchteil davon vergönnt sein wird.
Dafür scheinen die  kurzen Haare seit den dunklen Tagen schneller zu wachsen. Von einem Besuch beim Friseur kann schon seit Wochen oder Monaten keine Rede mehr sein.
Ein Überbleibsel der Evolution, wie ich mir nun denke, und schiebe die Strähnen unkontrolliert von rechts nach links und wieder zurück. Als ein Relikt aus der Zeit, als wir alle noch Tiere waren scheint sich mein Haarwuchs an die dunklen, kalten Tage anzupassen.  Winterfellähnlich werden sie dichter und unbändig, während sie wachsen und wachsen, an Frisur verlieren.
Der Gedanke an den Friseur weicht den dann frierenden Ohren: Über den Winter wird nichts, was nicht zwingend notwendig ist, freigelegt.
Notwendig sind und bleiben nur die Augen während sie müde auf den immer noch blinkenden Cursor starren.
Die Hände kramen sich aus dem Winterfell auf dem Kopf und legen sich erschöpft von der Bewegung neben die Tastatur.
Ein Schubser von innen, noch ein Schluck vom warmen Kaffee.
Als der PC in den Ruhemodus gleitet ein sehnsüchtiger Gedanke an den Siebenschläfer.
Ein Seufzen, ein Aufsetzen, auf dem Display wird wieder Licht. Die Korrektur kann nicht warten- also, frisch ans Werk.

Die Herde

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Der Weg ist gepflastert mit gleichmäßigen Steinen, die Richtung geradlinig zwischen den Grünflächen vorgegeben. 
Auf der Wiese rechts und links pulsiert bei genauem Hinsehen das Leben. Die kleinsten Lebewesen der Welt bestreiten ihren Tag in diesem Dschungel aus hoch und tief in einheitlichem Grün.
Der Weg dazwischen ist eben, ohne Stolpersteine von Spezialisten ihrer Zunft vorbereitet zum sicheren Gehen.
Alle Unwegsamkeiten wurden vor dem Legen der Platten schon lange im Vorfeld aufgestöbert und weggeräumt.
Man wandelt,  läuft oder rennt auf demselbigen Weg , hinter den Menschen mit der vermeintlich selben Richtung.
Der Pfad ist zu schmal, um sie zu überholen, die Vorgänger versperren ihnen zusätzlich die Sicht auf das Ziel.
Sie laufen im Gleichtakt  immer hinter einander her, annehmend, eher glaubend sie hätten alle das gleiche Ziel.

Bald achtet der Mensch nicht mehr auf die Warnschilder rechts und links. Bald sieht er das Leben auf der Wiese und dem kommenden Blumenbeet an der Seite nicht mehr.
Er läuft, getrieben von der Masse mit, vor und hinter, immer zwischen den Anderen und folgt denjenigen mit dem vermeintlich selben Ziel.
Plötzlich beginnt der Erste auf dem Weg zu stocken und zu rätseln, ob die Richtung noch die Richtige ist, oder ob er die notwendige  Abzweigung vielleicht schon verpasst hat. Auch ihm bleibt kein sinnvoller Austausch mit den ihm Folgenden, denn sie haben schon lange aufgehört auf dem Weg aufzupassen.
Sie haben sich blindlings auf den Ersten, noch dazu Unbekannten  verlassen und sind ihm gefolgt wie eine Horde Viecher.
Nun stehen sie ähnlich dumm schauend auf dem Weg in einer Runde, schweigend darauf wartend, dass der Mutigste der Ahnungslosen eine Richtung und damit die Lösung präsentiert.

Der Baum

Die Blätter des Baumes
Unzählige bald tausende,
Säumen majestätisch die Krone
Und verharren in der Windstille.

Sie schmücken die Äste,
Beschützen die Frucht,
Die unter dem dunklen Grün
Geborgen heranwächst.

Beschatten sie,
Wenn die Sonne unnachgiebig brennt,
Verbergen sie sicher vor den  hungrigen Augen der Fressfeinde.

Machen der Frucht geduldig Platz,
Wenn sie wächst und immer größer wird.
Fangen sie auf mit ihrem Laub,
Wenn sie ihm Herbst zu Boden fällt.

Die Blätter, die wir sammeln,
Wenn sie in den warmen Farben von
Gelb bis rot zum Boden gleiten,
Liegenbleiben und uns einladen
Das beruhigende Rascheln unter unseren Sohlen zu fühlen.

Die Blätter, die wir sammeln,
Staunen wie verschieden sie sind.
Manche größer, andere kleiner
In den Farben variierend.

So unterschiedlich wie die Blätter
Von dem ein und selben Baum sind
So verschieden sind die Menschen dieser Welt,
Stammen sie doch von ein und dem gleichen Stamm,
Und wurden von der gleichen Wurzel stetig genährt.

Der wortlose Abschied vom Abschied

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Fast ist es ein wenig wie sich vor dem Abschied drücken. Den Zeitpunkt des Aufbruchs und des „Adieu“-Sagens immer wieder aufzuschieben.

So oft hatte ich heute Morgen schon den Block mit der Überschrift „Teil 3“ in der Hand. Lange darauf geschaut und mich dann doch für etwas Anderes entschieden.
Es ist bald so, als käme ich an das Finale für mein Manuskript nicht heran. Was nicht daran liegt, dass ich nicht wüsste, wie es weitergehen soll.
Dieser letzte Teil so glaube ich, ist wohl der einzige Teil von dem ich schon im Vorfeld weiß,  was geschehen soll und wie das Ende aussieht.
An die anderen beiden,  die bisher noch ein gemeinsamer Teil 1 sind , bin ich eher improvisierend  ans Werk gegangen. Bis auf eine grobe Richtung im Kopf, wohin die Reise der Protagonisten gehen soll, habe ich ihnen viel Freiraum gelassen um sich zu entwickeln. Sie hin und wieder eingefangen, wenn ich das Gefühl hatte es geht mit ihnen durch. Sie dann auf die „Bank der Ruhe“ gesetzt und die „Bühne“ mit jemand anderem gefüllt, bis ich wusste, wie es mit ihnen weitergeht.

Nun liegt es an mir, ihnen ein Ende zuzuschreiben. Ihre Entwicklung an diesem Punkt zu unterbrechen und zu manifestieren.
Vielleicht ist das auch einer der Gründe,  weshalb es so viele Fortsetzungsromane gibt: weil der Autor sich von seinen Figuren einfach nicht trennen kann oder will.
Vielleicht sollte ich mein Ende auch offen gestalten, und ihnen und mir damit die Möglichkeit geben, weiter zu gehen und an sich zu arbeiten.
Allerdings bin ich mir noch nicht ganz sicher,  ob das zum Verlauf der bisher 80.000 Worte passt oder ein „richtiges “ Ende unausweichlich, da realistischer erscheint.

Womöglich ist das auch der Grund, weshalb ich so um den Block herumschleiche. 
Es verbindet sich die Angst vor dem Abschied mit jener Angst, den acht Personen das für sie passende Ende zuzuweisen.
Mich hier jetzt nicht zu irren, ihnen in ihrer Entwicklung treu zu bleiben, und mich dabei ganz langsam aber sicher persönlich von ihnen zu entfernen.