Die Schafskälte oder diese metereologische Singularität

Es regnet. Seit  drei Tagen von Sommer keine Spur. Eine handfeste Herbstdepression mitten im Sommer vermeidend, google ich an diesem Morgen des Wetterphänomen der letzten Tage.

Die Tage, in denen die graue dicke Strickjacke zum liebgewonnen Dauerbegleiter wird, die halbhohen Sneakers die neu erworbenen Flipflops verdrängen und die kurzen Hosen ganz nach hinten in den Schrank wandern. Die Kinder morgens mit großen Augen fragend schauen, wenn ich sie, zwei Tage nach dem letzten Freibadbesuch, mahnend an ihre Jacke erinnere.

„Es ist doch Sommer!“ – „Nein, es ist die Schafskälte!“

„Was is´n das?“ – „Das Wetter da draußen!“

„Und wann hört das auf ?“ – „Wenn die metereologische Singularität überstanden ist!“

Noch größere Augen und in mir die Hoffnung, dass damit ein weiteres Nachfragen ausbleibt. Irrtum. Ein weiteres „Was is´n das?!“. Ich friere, mehr von innen  nach außen.

Laut Wikipedia ist sie ein Wetterphänomen das zwischen dem 4. und 20. Juni oft in Mitteleuropa für einen Kälteeinbruch sorgt. Durch kühle, feuchte Luft aus Nordwest kommend, die Temperatur um 5 bis 10 Grad Celcius sinkt. Der bezeichnende Name kommt nicht von der dicken Strickjacke, die ich nun weiter frierend, enger um den Körper ziehe. Die meisten Schafe sind zu diesem Zeitpunkt schon geschoren und dieser Kälteeinbruch kann damit wahrlich bedrohlich für sie werden. Daher werden Lämmer und Mutterschafte meist erst nach Mitte Juni geschoren. Nur die alten Böcke müssen in diesen Tagen erbarmungslos frieren.

Genau wie ich, als ich nun barfuß, das Kind verabschiedend, in einer kleinen Lache Regenwasser der Nacht vor der Tür stehe.

„Und das heißt wie?“ – „Schafskälte.“

„Nein, das andere Wort: metereologisches Subjekt?!“ – „Singularität!“

Ich schaue den 12 Jährigen, gefasst auf weitere Nachfragen an.

„Und was ist das?!“ – „Dein Bus kommt, ich erklär´s dir später!“ Ein Kuß, ein liebevolles Lächeln. Ungeachtet der noch verbleibenden Minuten schiebe ich den müden, frierenden Jungen Zeit schindend Richtung Gartentor. In Gedanken schon den Ausdruck googelnd.

Gesagt, getan. Zugegeben, erst nach einem hoffnungsvollen Klick auf die Wetterapp. Nun hoffnungsvoller: ab Mittwoch sollen die Temperaturen wieder steigen.

Ich ziehe unter dem Terrassendach die Wollsocken ein bißchen höher. Mein dem „europäischen Sommermonsum“ angepasster müder Blick fällt auf das verwaiste Planschbecken im Garten. Die Vögel fliegen aufgeregt um das bunte Vogelhaus daneben. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, ihnen ein paar Körner hineinzulegen. Schüttele dann aber selbst den Kopf. Es ist nicht Winter, auch wenn es sich so anfühlt, nur die Schafskälte, diese metereologische Singularität.

Dass es etwas „Besonderes“ sein muß, habe ich mit den beschränkten Mitteln der Namensableitung auf den Wortursprung schon geahnt. Da das Nachschlagen heute online so viel einfacher ist, als das Wühlen in den schweren, mit Goldschnitt verzierten Brockhausbänden und den ellenlosen Querverweisen, wird dem 21. Jahrhundert entsprechend angemessen gegoogelt.

„singularis“ aus dem lateinischen: „einzigartig“.

Mit dem Blick in den grauen Himmel knüpfen sich in meinem Kopf neue Synapsen. Bisher hatte ich „einzigartig“ mit etwas „beeindruckendem“, „positiven“ in Verbindung gebracht. Diese neue Erkenntnis bezogen auf den grauen, tristen fast melancholisch machenden Himmel Mitte Juni belehrt mich nun eines Besseren. Wieder was gelernt heute Morgen. 😉

Metereologisch gesehen, bezeichnet „Singularität“ eigenartige Witterungsregelfälle (das bezeichnet es beim Bemerken meiner fast eingefrorenen Finger an der Tastatur treffender) die zu bestimmten Zeitabschnitten im Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit auftreten. So wie auch z.B. die Eisheiligen, die Hundstage, der Altweibersommer oder der Martini-Sommer.

Letzterer spricht mich, frierend, nach einem Tuch für den kalten Hals suchend, spontan an.  Das Bild aus den alten Kinowerbungen kommt mir in den Sinn. Halbnackte, braungebrannte und schöne Menschen, gutgelaunt und entspannt am Strand einer einsamen Insel. Die Sonne scheint, unbedeckt am wolkenlosen, blauen Himmel und spiegelt sich in den vielen Blautönen des Meeres. Die Männer und Frauen vergnügen sich lachend am Strand und in den, zur Entspannung aufgehängten, weißenHängematten. Sorglos, ein Eis in der Hand, den Strohhut tief im Gesicht, die scheinbar stillstehende Zeit an diesem Strand in diesem Sommer genießend.

„What a feeling….summer dreaming….when you´re with me…“ Die eingängige Melodie spielt endlos in meinem Ohr. Das Lied summt noch in meinem Kopf bevor sich das Ende des Kurzfilms vor meinem geistigen Auge in dem alten Bacardi-Werbespot findet.

Ich will heute keine Erbsenzählerin sein und lasse gern den Bacardi-Martini-Sommer eins sein. Vermittet es mir doch hier in diesem Grau die Aussicht auf Sommer. Vorfreude auf die wiederkommenden Tage im Garten, am See. Die Leichtigkeit des Sommers genießend, mit Freunden entspannt in der Sonne, eine kühlende Erfrischung in der Hand…

Ein ernüchternder Blick in die Wikipedia-Annalen: Der Martini-Sommer, diese metereologische Singularität, kommt in der Regel gegen Ende der ersten November-Dekade!

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3 Gedanken zu “Die Schafskälte oder diese metereologische Singularität

  1. Hab den wärmenden kurzen Pullover über das sommerliche Tshirt gezogen, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, nun geht es zum sommerlichen Ausflug mit befreundeten Ehaaren nach Speyer. Zunächst in die Titanic Ausstellung und später aufs Schiff zur Rheinfahrt. Hoffentlich kommen keine Eisberge….

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