40 … na und ?!

Ich habe vor dreißig Jahren, zu Schulzeiten meiner Jugend, einen Nebenjob in einem Altenheim gehabt. Seitdem haben sich die Zeiten ganz schön verändert.

Die Heime sind keine Heime mehr, sondern „Residenzen“. Den vorpürierten Seniorenteller gibt es, dank neuester Zahntechnik und zubuchbarer Krankenzusatzversicherung, nur noch selten. Und viele Flme für und mit Ü-60ern, einschließlich „Wolke 9“, bringen uns „Mid-Agern“ die Hoffnung näher, dass es -Sex eingeschlossen- ein „Leben“ jenseits der 60 noch gibt.

Was früher das Zeitalter der Feinstrick-Westover, den weißen maßangerfertigten Gesundheitsschuhen und den gefilzten Pilzhut-Kopfbedeckungen bei jedem Wetter war, wird uns heute als der goldene, wohlverdiente, genossene und gelebte Lebensabend gezeigt.

Die Werbeseiten in den Hochglanzmagazinen sind voll mit den Ikonen der „Senior-Best-Ager“, die Anti-Aging Produkte bewerben und dabei attraktiver aussehen als manch Zwanzigjährige in ihrem Spot für ein reinigendes Gesichts-Pickel-Wasser.

Wir sehen die Stars aus Film und Fernsehen, scheinbar zeitlos, fast knitterfrei alternd und bekommen pünktlich zum 40. Geburtstag neue Ideale und Vorbilder geschenkt.

Die vor einigen Jahren noch allseits befürchtete Midlife-Crises läßt sich angesichts dieser positiven Aussichten ganz gut meistern. Werden wir doch mit 40 als „Best-Ager“ und mit 60 dann als „Noch-best-Ager“ gehandelt. Was kann es denn Schlimmeres geben?

Mit einem stolzen Blick auf unsere Eltern und Schwiegereltern, die sich allesamt so round-about 65 bewegen, bekommen wir neben den „Photoshop-Geschönten- Illustrierten- Idealen“ auch noch lebensnahe, lebensbejahende und agile Vorbilder, die wir gern und dankend annehmen.

Mein Vater radelt heute auf seinem neu erstandenen E-bike, das rein optisch Jan Ulrich vor Neid erblassen lassen würde, für einen schnellen Kaffee und einen 17 Minuten Plausch, die 40 Kilometer bis zu uns, und pünktlich zum Mittagessen wieder zurück. Allein beim Anblick der elektronischen, handygesteuerten Auswertung und der Info, dass er bei einfacher Strecke 568 Kcal verbrannt hat, falle ich stellvertretend für ihn fast in Ohnmacht. Meine Mutter, stets modisch in einer gut-sitzenden-weiblich-sportlichen Mischung, gekleidet, verlässt ohne Highheels in schwindelerregender Höhe, nie das Haus und das auf sicherem Gang. Meine Schwiegermutter, der der Beruf auch Berufung ist, hadert mit dem bevorstehenden Erreichen des Rentenalters und verschiebt den Ausstieg so weit es geht nach hinten.

Sie reisen viel, besehen sich die schönsten Plätze der Welt. Die Metropolen, sicher auf 9 cm wandelnd und genießen die endlich freie Zeit. Nach einem arbeitsreichen Leben scheinen sie alle wirklich alle angekommen und sehen dabei noch so gut aus, dass der Frage nach der Seniorenermäßigung an diversen Ticketkassen eine Rückfrage nach dem Ausweis mit einem kritischen Blick folgt.

Meine Großeltern hingegen, mögen sie bei meiner ersten bewußten Begegnung im ähnlichen Alter wie unsere Eltern jetzt gewesen sein, waren in meinem Augen schon immer alt. Gekleidet in gedeckten Farben, die geklöppelte weiße Decke auf dem Tisch. Nicht oder nur spärlich während des Kaffeetrinkens benutzte Servietten wurden danach kontrolliert und bei Möglichkeit noch einmal gefaltet, für das nächste Kränzchen zur Seite gelegt. Die zum Hobby gehörenden Handwerks-Strick-Körbchen standen immer und überall in Reichweite, der größte gleich neben dem Fernsehsessel. Über der Rückenlehne ein aus Resten gehäkeltes Deckchen, für die Schultern und gegen den Zug. Die Fernsehzeitung, immer am aktuellen Tag aufgeschlagen, wurde auf dem Hocker von dem angefangenen Kreuzworträtselheft flankiert. Das lange weiße Cashmere- oder Angora-Unterhemd nach jedem Aufstehen fein säuberlich wieder in den Bund des wadenlangen Feinstrickrockes geschoben. Den Feinstrickrock, aus den einschlägigen Seniorenkatalogen bestellt, gab es wegen „dem bequemen Sitz“, in allen Farbvariationen zwischen beige und braun gab.

Wie haben sich doch diese Zeiten geändert!

Sehen wir die Generation vor uns an, fällt es uns schwer zu glauben, dass sie je sooo alt wie ihre Eltern werden können. Das meine ich nicht alterstechnisch, in Jahresringen gezählt. Sicher ziert das ein oder andere Fältchen, hin und wieder auch den sich schon in frühen Jahren in Selbstbehauptung übenden Enkeln geschuldet, ihr Gesicht von Jahr zu Jahr ein bißchen mehr. Aber sooo alt,  wie die Generation vor ihnen, werden sie sicher nimmer mehr.

Ein Hoffnungsschimmer für uns alle „Mid-Ager“. Merken wir doch die Veränderung an uns selber auch. Die Zeiten, in denen man mit 40 die Mitte des Lebens erreichte, den Zenit der „Grad-noch-jungen-Eltern“ überschritten hatte, sind irgendwie vorbei.

Schauen wir uns doch noch mal aufmerksam um. Ich traf neulich Einen, der steigt aus seinem Beruf mit 40 noch mal aus, auf der Suche nach einer neuen, erfüllenden Berufung. Bei einigen steht jetzt erst der erste oder zweite Nachwuchs an, der andere überlegt sich bereits ein neues Tattoo. Die Feste und Feiern werden auch nicht wirklich weniger, dank explizit „Ü-40“ oder „90er Jahre“, gefühlt eher mehr.

Man läßt uns zum Glück gar nicht wandern in dieses Tal der „40er- Trübseeligkeit“. Fast scheint, als sei die Midlife-Crises ein auslaufendes Projekt.

Gott sei Dank, sagen wir, die die 40 nun erreichen, zuversichtlich und freudig auf die kommenden nächsten 40 schauend! Uns wohl bewusst, dass wir die Hälfte unseres Lebens wahrscheinlich hinter uns haben, reflektierend, beurteilend… für die nächsten 40 Jahre lernend.

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11 Gedanken zu “40 … na und ?!

  1. Ich finde beim Betrachten alter Fotos immer wieder, dass meine Oma mit 60-65 jünger wirkt als auf den Bildern, wo sie 20 Jahre jünger war. Ein seltsames Phänomen, das mich immer erstaunt. Aber sie hat mit 52 ihren Mann verloren und danach ihr Leben total umgekrempelt. Daran liegt es wohl. Raus aus den alten wadenlangen braunen Röcken, rein in Jeans. Innerlich ebenso… Jetzt ist sie 80 und man sieht ihr das Alter an. Aber das darf man auch 🙂 Im Kopf ist sie immer noch jung, das ist die Hauptsache.

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  2. Sehr schön geschrieben! Hatte weniger Probleme mit der 40 als erwartet, dank der positiven und doch relativ jungen Mitmenschen, die mich umgeben. Eine gute Freundin sagte zu mir :,, warte mal ab, mit 40 wird erst richtig schön“. Na, dann warte ich mal, bin ja gespannt….

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    1. Vielen lieben Dank….auch die lieben jungen Menschen um dich herum kommen langsam in das Alter 😉 freue mich auf die gemeinsame gute zeit wenn dann alles schoen wird obwohl s das ja schon ist 🙂

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  3. Gut getroffen deine Darstellung der verschiedenen Lebensalter!Irgendwie leben alle Generationen heute meiner Meinung nach bewusster als noch vor Jahrzehnten; machen sich mehr Gedanken und reflektieren viel über´s Leben, über den Umgang mit Gleichaltrigen, das Verhalten zu Eltern und die Fragen zur Kindererziehung. Und trotzdem, das Recht der Jugend ist es wohl, alles immer besser zu wissen und zu können, oder? Manchmal klappt es, manchmal aber auch nicht. Heute hat das Alter aber auch Vorteile. Es gibt so viel, was Spaß macht, so dass man das Altwerden einfach vergisst.

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  4. Wirklich sehr schön. Wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, ist aber auch Altersdiskriminierung ein wichtiges Thema. Im Gegensatz zur Geschlechterdiskriminierung ist die Diskriminierung aufgrund des Alters weniger in der öffentlichen Debatte präsent. Umso interessanter ist es, sich einmal damit zu beschäftigen. Das habe ich gemacht und bin auf Spannendes und Verblüffendes gestoßen. Wen es interessiert, darf hier gerne mal reinschauen: https://vanessabo93.wordpress.com/?p=92&preview=true&preview_id=92
    (freue mich über jeden Besucher 😉 )

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